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Kultur

Unser Gehirn: Lernen hoch drei

In der Stärke des Zentralorgans liegt auch seine Schwäche: Immer öfter brennt sich das Falsche ein

Henning Noske

WOLFENBÜTTEL. Es gibt viele Vorträge, bei denen sich Lehrinhalte nur zäh erschließen. Im Idealfall gäbe es einen Vortrag über das Lernen, bei dem man viel lernt und anschließend besser lernt. Ein solches Kunststück gelang gestern in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel dem Ulmer Gehirnforscher Manfred Spitzer.

Dabei war in der Substanz vieles gar nicht neu. Aber auch beim Lernen kommt es ja darauf an, wie man es sagt. Um eine Hauptthese Spitzers zu formulieren: Unser Gehirn ist Lernen hoch drei. Kann nur lernen. Will nur lernen. Wird immerzu lernen. Damit ist freilich nichts über den Inhalt ausgesagt. Im Klartext: Du kannst Weltmeister im Lernen sein, aber möglicherweise lernst du das Falsche.

Eine Situation, die Spitzer durchaus auf Familie, Kindergarten, Schule überträgt. Schon toll, wenn Kinder mehr als 100 Pokémon-Karten herunterbeten können – eine gewaltige Lernleistung. Bitter nur, wenn sie mehr als 100 Tiere und Pflanzen des Waldes nicht mehr kennen, weil sie es nicht gelernt haben.

Wirklich kinderleicht

Das ist vertrackt mit dem Lernen. Einerseits ist es buchstäblich kinderleicht. Lernreize sprudeln immerzu auf uns ein, werden über Nervenbahnen ins Gehirn gespült. Hirnzellen sind für bestimmte Aufgaben zuständig. Doch ob sie angesprochen werden und angemessen steuern können, hängt von der Intensität ab, mit der die Reize auf ihre Schnittstellen (Synapsen) prasseln. Im Klartext: Von nichts bleibt nichts.

Das ist die ganze Wahrheit. Manchmal schaust du beim Schreiben eines Artikels laufend in die Notizen, zerrst quälend Zahlen und Zitate hervor. Diesmal nicht: Dieser Artikel ist ein Experiment, einfach mal eine Erzählung dessen, was vom Redner haften blieb. Also weiter: Ohne Reize keine Funktion.

Damit nicht genug. Zufällige Einzelreize reichen auch nicht aus, denn es muss eine Regel, eine Gesetzmäßigkeit erkennbar sein. Erst diese Ordnung schleift sich als Spur des Lernens ein. "Das ist schon genial eingerichtet. Das Ding ist wirklich gebrauchsabhängig, und es bleibt zeitlebens gebrauchsabhängig", sagt Manfred Spitzer. Das Ding – damit ist unser Gehirn gemeint. Und die Sache hat nur einen Haken: Genial brennt sich auch der Blödsinn ein.

Prof. Dr. Manfred Spitzer, Direktor der Psychiatrischen Uniklinik Ulm, lässt es hier an Deutlichkeit nicht fehlen. Schon vom 7. Lebensmonat an entwickelt ein Baby Gespür für Sprache und ihre Regeln. Mit fünf oder sechs Jahren hat sich der kleine Mensch im Normalfall seine Muttersprache angeeignet – phantastisch. Doch es geht nicht nur um Sprache. Die ganze Welt wird zur Landkarte der Lernspuren in unserem Kopf. An diesem Koordinatensystem halten wir uns fest.

Das ist wunderbar eingefädelt, kann aber fürchterlich schief gehen. Schon Zweijährige verbringen heute zum Beispiel zwei Stunden täglich vor dem Bildschirm. Spitzer: "Es ist mittlerweile keine Vermutung mehr, sondern gesichertes Wissen: Dieser Bildschirmkonsum steht in unmittelbarem Zusammenhang mit Aufmerksamkeitsstörungen in der Grundschule."

Im falschen Film

Schlimmer: Über den Bildschirm werden in der Hauptsache Gewaltdarstellungen transportiert, Gewalt, die zumeist mit Spaß verbunden ist und folgenlos bleibt. Spitzer: "Der Zusammenhang zwischen solchem Medienkonsum und realer Gewalt ist so evident wie der zwischen Rauchen und Lungenkrebs." Düster fährt der Referent fort: "Dann ist so etwas wie Erfurt erst der Anfang."

Harter Tobak. Doch zurück zum Gelernten. Mit fortgeschrittenem Alter nimmt die Lernfähigkeit drastisch ab. Gemeint sind freilich bereits 17-Jährige, nicht 70-Jährige. Nun bedeutet dies nicht, dass man jenseits der 17 nicht mehr lernen kann. Das Lernen ist nur anders, wird eben gespeist aus den Erfahrungen der frühen Lernspuren. Es ist gleichsam ein Interpolieren, Annäherung an den wahren Wert

Da gibt es wunderbare Beispiele. Wenn ein Urvolk Jäger mit Pfeil und Bogen entsendet, dann bringt der 65-Jährige das meiste Wild, nicht der 24-Jährige. Die Erfahrung macht’s. "Den Physik-Nobelpreis gewinnt ein 30-Jähriger, den Friedensnobelpreis ein 70-Jähriger", sagt Manfred Spitzer. Und was tun wir? "Wir schicken die einen in Rente und stellen die anderen ein."

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Veröffentlicht: 11.06.2004 - 22:00 Uhr
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