„Wir flirten nur mit der Revolte“
Braunschweig Ein Interview mit Juli Zeh zu ihrem neuen Stück „Yellow Line“, das zum Abschluss des Festivals Theaterformen in Braunschweig uraufgeführt wird.
Zum Ende noch eine Uraufführung. Das Stück „Yellow Line“ von Juli Zeh, gemeinsam geschrieben mit Charlotte Roos, setzt am Sonntag im Kleinen Haus den Schlusspunkt des Festivals Theaterformen. Es ist zugleich das zweite Vorzeigestück des Kooperationsprojekts „Achtung Pioniere“ des Staatstheaters mit dem Zagreber Schauspielhaus Z/K/M. Es wird gespielt von Schauspielern aus Zagreb unter der Regie des Kroaten Ivica Buljahn.
Redakteur Florian Arnold sprach mit Juli Zeh, 37, seit kurzem Mutter eines Sohnes, über das grenzüberschreitende Theaterprojekt.
Sie haben schon öfter mit anderen Autoren zusammengearbeitet, allerdings vorwiegend bei politischen Essays. Ist es nicht konfliktträchtig, ein Stück zu zweit zu schreiben?
Es ist manchmal kompliziert, aber sehr bereichernd. Wenn es um Politik und Gesellschaft geht, sollte man generell miteinander sprechen und nicht nur sein eigenes Süppchen kochen.
Charlotte Roos hat einen ähnlichen Blick auf die Welt wie ich, aber ein anderes künstlerisches Verfahren. Beim Schreiben bin ich generell sehr narrativ, es gibt eine Geschichte und einen richtigen Plot. Charlotte bevorzugt dagegen neue Formen, bricht bekannte Verläufe auf, und sie ist sehr sprachfetischistisch. Wir mussten an Kompromissen arbeiten. Das Ergebnis finde ich ziemlich ausgewogen.
Ursprünglich gab es eine Vorgabe für das Projekt „Achtung Pioniere“. Sie sollten sich mit der Erfindung des Zeppelins beschäftigen, weil dieses Thema die Städte verbinde – Braunschweig als Luftfahrtforschungs-Standort und Zagreb als Heimat des Zeppelin-Pioniers David Schwarz.
Ich hatte mir von Beginn an eine größere Freiheit beim Thema erbeten. Historische Stoffe interessieren mich als Autorin nicht so sehr. Ich will über aktuelle Fragen schreiben.
Die Zusammenarbeit mit Zagreb fand ich gerade bei einem aktuellen Stück interessant. Politik und Wirtschaft sind längst global, da passt es doch, auch bei politischen Stücken multinational zusammenzuarbeiten. Wir haben nun ein deutsches Stück, das in einer Fremdsprache, auf Kroatisch, aufgeführt wird. Das ist etwas Seltenes und Besonderes.
Haben Sie Regisseur Buljahn beim Inszenieren beraten?
Nein. Es ist doch gerade interessant, wie jemand mit einem ganz anderen Hintergrund seine Sicht des Stücks verwirklicht. Der Text ist nur ein Aspekt eines Theaterstücks. Die Inszenierung ist ein eigenständiges zweites Element. Da lassen wir dem Regisseur alle Freiheit.
Aber wir sind auch aus terminlichen Gründen nicht zusammengekommen. Buljahn ist sehr beschäftigt. In Kroatien und den benachbarten Ländern ist er ein echter Star.
In Braunschweig war gerade Ihr jüngstes Stück „Corpus Delicti“ zu sehen. Paul, ein Hauptakteur in „Yellow Line“, wirkt wie ein nerviger Bruder von Moritz, der in „Corpus Delicti“ gegen eine progressive Gesundheitsdiktatur aufbegehrt.
Der Themenkreis ist tatsächlich ähnlich. Es geht wieder um die große Frage, inwieweit das System uns bevormundet, das wir als freiheitlich charakterisieren. „Yellow Line“ ist allerdings eher eine Komödie, eine Farce. Trotzdem empfinde ich den Paul als realistischer. Grundsätzliches Aufbegehren wie das von Moritz kommt in unserer Realität ja gar nicht vor. Wie Paul flirten wir nur mit der Revolte. Wir verspüren ein Unbehagen und demonstrieren dann lieber gegen einen Bahnhof, anstatt uns mit dem Wesentlichen auseinanderzusetzen.
Aber ich mag Paul. Ich mag meine Figuren eigentlich immer, manchmal wie eine Mutter, die ihr missratenes Kind trotzdem mag. Ich habe allergrößtes Verständnis für sie.
In „Yellow Line“ werden zwei Handlungsstränge parallel geführt und um Zitate von Ereignissen der jüngsten Vergangenheit ergänzt. Unter anderem geht es um den Arabischen Frühling und die flüchtige Kuh Yvonne. Warum gerade die?
Der Medienhype um Yvonne symbolisiert für mich eine gesellschaftliche Absurdität. Wir jubeln einer Kuh zu, während echte Freiheitskämpfer gegen ihre Regimes und für eine Freiheit kämpfen, die wir hier schon wieder abschaffen wollen. Wir machen unsere Grenzen dicht für Menschen, deren Freiheitskampf wir gleichzeitig gutheißen.
Sie haben in letzter Zeit viel für die Bühne geschrieben. Ist das Ihr neuer Schwerpunkt?
Nein, als Theaterautorin sehe ich mich immer noch als experimentierende Anfängerin. Ich habe in den letzten Jahren auch viel Prosa geschrieben, aber nichts veröffentlicht, weil das immer mit einem hohen Aufwand verbunden ist, mit Lese-Touren und Ähnlichem. Meine literarische Heimat bleibt aber die Prosa, und es wird dieses Jahr auch noch ein neuer Roman erscheinen.
„Yellow Line“ ist am 10., 16. und 18. Juni 2012 im Kleinen Haus des Staatstheaters zu sehen, auf Kroatisch mit deutschen Übertiteln. Anschließend wird die Produktion im Theater Z/K/M in Zagreb gezeigt.

