Till als frecher Kumpel der Kinder
Braunschweig Interview mit Katrin Lange zu ihrem Stück „Freund Till, genannt Eulenspiegel“, das am 18. Februar im Staatstheater Braunschweig uraufgeführt wird.
Auf welche Erzähltraditionen haben Sie für Ihr Stück zurückgegriffen? Spielten Charles de Coster, Christa Wolf, Werner Fritsch, dessen Till-Fassung 2002 in Braunschweig uraufgeführt wurde, eine Rolle?
Es ist ja nicht der erste Stoff nach einer historischen Vorlage, den ich bearbeite. Ich bin immer gut damit gefahren, aufs Original zurückzugreifen. Mein Ausgangspunkt ist das Volksbuch mit all seinen Ecken und Kanten und all seinem groben Witz. Mit einem solchen Griff ins Authentische kriegt man dann – abgesehen von einer spannenden Story – meist noch ein bisschen Historizität in die Geschichte: schadet ja nichts, wenn wir uns als Nachfahren der Altvorderen erkennen.
Der ungebärdige Till wurde gern als Vor-Revolutionär gedeutet oder eher als harmloser Spaßmacher. Daneben gibt es den derb-unflätigen Tabu-Brecher. Welche Aspekte sind Ihnen an der Figur wichtig?
Sagen wir mal: Die Lösung liegt in der Mitte. Ich habe versucht, zum Original-Till des Volksbuches zurückzugehen (wobei unsere Vorfahren sich ja wirklich manchmal über sehr einfältige Dinge amüsiert haben): Da ist einer fremd, immer wieder fremd in der Gesellschaft, in die er hineingerät, muss versuchen, seinen Platz zu finden – und nützt gnadenlos jedes Schlupfloch und jede Schwäche der Gegenüber aus. Das aber ist als Haltung schon mal ziemlich subversiv.
Und wenn er dann noch seinen Grips benutzt und die Oberen austrickst und die verfestigten Strukturen knackt – dann ist das nicht nur subversiv, sondern auch und erst recht ein Potential für Dramatik.
Sie beginnen Ihr Till-Stück mit dem jungen Till. Um so an jugendliche Zuschauer und ihre Erfahrungen anzuknüpfen?
Im Volksbuch wird die Geschichte eines Lebens erzählt, ich halte mich dran: Till verliert als junger Bursch seinen Vater und muss sich durchbeißen. Da steckt durchaus ein Ansatz für ein Kinderstück. Hineinkommen in das Leben der Erwachsenen, derer, die das Sagen haben: Das ist eine Aufgabe, die vor jedem Kind steht. Und manchmal ist die Umwelt ja auch ziemlich feindselig – da kann der freche Kumpel Till ganz hilfreich sein.
Heute sind Anstandsregeln und Tabus bereits weitgehend gebrochen, erst recht im Internet. Womit kann Till heute noch aufregen?
Hoffentlich mit der Radikalität, mit der er „ich“ sagt und danach handelt – selbst dann, wenn es danebengeht. Dass es im Internet alles gibt, macht uns ja weder unserer selbst bewusster noch handlungsfähiger – oder? Eher im Gegenteil. Wir – und vielleicht erst recht die jüngeren Generationen, die immer mehr in virtuellen Welten aufwachsen – sind schlecht trainiert, was Kommunikation und Interaktion mit der Umgebung angeht. Da kann Theater übrigens hilfreich sein: Es lebt vom Konflikt des Helden mit dem Rest der Welt, bietet Modelle an, wie man miteinander klarkommt. Da nun wieder ist gerade der Till ein brauchbarer Held: Er nützt seinen Kopf zur Auseinandersetzung mit den Mächtigen; kein schlechtes Vorbild.
Der Hermann Boteschen Fassung nach gibt es viele Bezüge zum Braunschweiger Land. War Ihnen die regionale Verortung wichtig?
Der subversive Narr ist natürlich international. Aber der lokale Bezug der Figur zu Braunschweig ist schon lustig. Zumal ich genau dadurch mit der Figur bekannt wurde als kleines Kind: Meine Mutter war mal am Staatstheater Braunschweig als Schauspielerin engagiert, und sie hat mir von den Eulen und Meerkatzen erzählt. Also: Braunschweig und Eulenspiegel, das war für mich immer schon ein gemeinsames Ding.



