Sibylle Lewitscharoff – die göttliche Ironikerin
Braunschweig Die Raabe-Preisträgerin des Jahres 2011 sprach in der Braunschweiger Kunsthochschule über die literarische Möglichkeit Gottes.
Es gibt vielerlei Ansätze von Gottesbeweisen. Für Sibylle Lewitscharoff kommt ihre Großmutter einem solchen nahe. Durch die Weise, auf die sie starb. Ihre Oma sei eine herzensgute schwäbische Pietistin gewesen, erzählte die Raabe-Preisträgerin des Vorjahres am Dienstag in der Kunsthochschule Braunschweig. Sterbend habe die Krebskranke so glücklich und überzeugt vom späteren Wiedersehen gesprochen mit allen, von denen sie nun scheiden müsse, dass für Zweifel kein Raum blieb.
Lewitscharoff trat in der HBK-Talk-Reihe „President’s Choice“ auf. Sie hätte auch bei einer Reformationsandacht sprechen können, als eine Autorin, der das Metaphysische eine, wenn auch rätselhafte, Selbstverständlichkeit ist, das sie in ihren Büchern auf bezaubernde Art aufleuchten lässt.
Ihr nächster Roman wird von einem modernen Pfingstwunder bei einer Tagung von Dante-Forschern in Rom handeln. Die 58-Jährige nahm das zum Anlass, am Beispiel dieses Plots von der kniffligen, aber grundsätzlich gegebenen Möglichkeit zu sprechen, Gott in Romanen erfahrbar zu machen.
Es sei geradezu eine „noble Verpflichtung“ von Schriftstellern, in der Fiktion die Wirklichkeit zu übersteigen, auch ein wenig zu flunkern, „aber immer im Rahmen der Plausibilitätsgesetze“. Und, bitteschön, mit einer Prise Ironie. Sonst gerate das Ganze zu Schwulst.
Im Gespräch mit dem Literaturkritiker und Raabe-Preis-Juror Hubert Winkels bekannte Lewitscharoff eine gewisse Faszination für den Katholizismus. Wegen der vielen Helfer und Vermittler zwischen dem unergründlichen, fremden Gott und den kleinen Menschlein, die, so Lewitscharoff leidenschaftlich und etwas dunkel, nie Gott spielen sollten, wie das bei Romanautoren und namentlich in der zeitgenössischen Kunst gelegentlich geschehe.
Der Zauber des katholischen Heiligenkults sei reizvoll gegenüber der direkten, harten, unvermittelten Begegnung mit der Bibel im Protestantismus, gestand die studierte Religionswissenschaftlerin. Dem Protestantismus bleibe sie, geborene Lutheranerin, dennoch treu. „Es gilt, den Bestand zu wahren. Konversion ist für mich undenkbar.“
Fasziniert ist Lewitscharoff auch von der Popkultur und namentlich von der seltsamen deutschen Untergrund-Ikone der 60er/70er-Jahre, Nico. Die Gespielin von Velvet Underground, eine kühle, blonde Schönheit, verfiel den Drogen und gegen Ende ihrer Tage laut Lewitscharoff auch bizarrer Deutschtümelei. „Als spräche das verdrängte deutsche Unbewusste durch sie, die einst gerade davor in die New Yorker Szene geflohen war“, sagte die Autorin. Und las noch einige Seiten aus ihrem Roman „Consummatus“, der auch von Nico inspiriert ist.
