Sehnsucht nach dem Spielerischen
Braunschweig Der ungarische Regisseur Balázs Kovalik erzählt über seine „Figaro“-Regie am Staatstheater Braunschweig und die Zustände in seiner Heimat Ungarn.
„Mozart war ein großes Kind“, sagt Balázs Kovalik, der gerade dessen „Hochzeit des Figaro“ im Braunschweiger Staatstheater inszeniert. „Erst treibt er alles auf den Konflikt zu, aber dann löst er ihn in harmonischen musikalischen Ensemble-Szenen wieder auf. Dann ist plötzlich Friede, Freude, Eierkuchen, aber so ist es nicht im Leben.“
Den ungarischen Regisseur, der an der Münchner Theaterakademie ausgebildet wurde, interessiert, was nach der Versöhnung kommt, wenn der erotische Anschlag des Grafen auf die Kammerzofe Susanna aufgeflogen ist und die Gräfin seine Entschuldigung angenommen hat. „Kinder können nach der Verzeihung wieder lachen, als wenn nichts gewesen wäre. Mozart gibt sich in seinen Briefen ebenso kindlich, bittet bei Papilein oder seinem Schätzchen um Verzeihung.“ In der Oper drücke er das mit konventionellen Ensembles aus, die absurd wirken.
Kovalik sieht im „Figaro“ einen Spielplatz, auf dem sich Menschen verabreden zu bestimmten Dingen. Die Opernfiguren kommen in seiner Regie als Zuschauer aus dem Publikum, um mitzumachen. „Wie Erwachsene, die eine verlassene Sandkiste entdecken und ihrer Sehnsucht nach dem Spielerischen wieder nachgeben“, sagt Kovalik.
Spielen, locker sein, schlecht definierte Regeln auflösen und neue ausprobieren, das sind für ihn grundsätzlich lebenswerte Ziele. In seiner ungarischen Heimat hält man davon zurzeit nichts. Die nationalkonservative Regierung schaltet auch die Kultur gleich, unliebsame Künstler werden gechasst, am Neuen Theater kam sogar ein erklärter Antisemit ins Amt. Auch Kovaliks Vertrag als künstlerischer Leiter der Budapester Oper wurde nicht verlängert. Wer kann, verlasse das Land, sagt er.
„Ich hatte Glück, weil ich in München an der Akademie unterrichten kann und an vielen Häusern zu Inszenierungen eingeladen bin. Aber ein Schauspielregisseur hat es wegen der Sprache schon schwerer. Und ein 60-Jähriger auch, da macht sich Perspektivlosigkeit breit.“ Zwei Freunde hätten sich umgebracht, ein anderer wirkt gebrochen. „Ich wäre auch als Koch nach Mexiko gegangen, aber nicht jeder ist so lebenspraktisch drauf“, sagt er.
Er fährt regelmäßig nach Ungarn, um seine Familie zu besuchen. Überall spürt er die neue Arroganz. „Eine Logenschließerin sagte mir, die neuen Zuschauer kämen nicht, um die Oper zu sehen, sondern um zu zeigen, dass sie nun die Logen besitzen.“ Auch in der U-Bahn wirkten die Menschen verkrampft. „Das ist die Angst, nicht konform zu scheinen. Der Druck der neuen Mehrheit ist groß.“
Kovalik sieht die große Verunsicherung durch den Kapitalismus als Grund: „Im Kommunismus mussten die Leute nicht für ihre Wohnungsrenovierung oder Krankenversicherung sorgen, alles war geregelt, das war bequem. Dann haben alle den Kapitalismus gewollt, wollten mitkonsumieren, aber die Selbstverantwortung wollen sie nicht tragen. Jetzt geben sie an allem der EU die Schuld, und Orbán verspricht staatliche Absicherungen wie einst im Kommunismus.“ Dass gerade Ungarn so nationalistisch reagiere, sieht Kovalik auch darin begründet, dass es so klein sei und eine Sprache habe, die keiner versteht.
Trotzdem hat er Hoffnung auf einen Wechsel: „Wir sind ein gemischtes Volk, das aus Asien gekommen ist, sehr balkanisch-wild. Lange lassen wir uns nicht fesseln.“ Außerdem gingen viele junge Leute ins Ausland studieren, auch solche aus rechten Familien, die kämen mit offenerem Geist zurück.
