Schöne neue Arbeitswelt
Braunschweig Subtil hinterfragt die junge Regisseurin Carmen Losmann in ihrem preisgekrönten Dokumentarfilm „Work Hard – Play Hard“ die Arbeitswelt der Zukunft.
Der elegante Bürokomplex in der Hamburger Hafen-City gilt als wegweisend für moderne Firmenarchitektur. Als bestes Bürogebäude des Jahres 2009 wurde die neue Konzernzentrale von Unilever ausgezeichnet: Offenheit strahle sie aus, Vitalität und Lebensqualität.
„Das Gebäude soll vermitteln, dass Arbeit kein Zwang ist“, erzählen die Architekten im Dokumentarfilm von Carmen Losmann. Ruhig schweift ihre Kamera durch das Gebäude. Viel Glas zeigt sie, viel Licht. Großbildschirme flimmern, Espressomaschinen blitzen. Und doch vermitteln die Bilder von der schönen neuen Arbeitswelt vor allem eines: eine kühle, unpersönliche Atmosphäre.
Die Dokumentation „Work Hard – Play Hard“ sorgt für Aufsehen. Mehrfach ausgezeichnet, gibt sie Einblicke in moderne Firmenkultur, in neue Formen der Mitarbeiterführung und der Arbeitsorganisation. Das beginnt bei der Büroarchitektur und endet bei der Begleitung eines Psychotests für Führungskräfte. Erstaunlich, wie weit sich Firmen wie die Deutsche Post der jungen Dokumentarfilmerin geöffnet haben.
Unternehmensberater philosophieren souverän über „non-territoriale Jobkonzepte“. Weil Schriftverkehr fast nur noch digital abläuft und Computer mobil geworden sind, sollen Büros nun vor allem Kommunikationsplattformen sein: je transparenter, desto offener der Austausch, desto höher die „Problemlösungsgeschwindigkeit“. „Aber die Umgebung sollte professionell wirken, keine braunen Farbtöne, das erinnert zu sehr an Zuhause.“
Das Team, das Unternehmen ist alles. „Ich werde künftig noch besser kommunizieren, um unsere Aufgaben noch zielführender zu erledigen, was bedeutet: mehr Umsatz“, sagt ein Mittdreißiger beim Führungskräfte-Trainingscamp in die Runde. Es klingt wie ein Glaubensbekenntnis oder Fahneneid. Dann stürzt er sich von einer Plattform in die Arme des Teams.
Er kommt psychologisch ausgefeilt, mit schicken Anglizismen gespickt und scheinbar an der langen Leine daher. Und ist auf subtile Weise doch totalitär, der Anspruch moderner Konzerne an ihre Mitarbeiter: die freiwillige, aber vollständige Identifikation mit dem Unternehmen ist das Ziel.
Charakteristisch für diese Ideologie ist: Humorlosigkeit. Die Personalcoaches lächeln viel, doch gelacht wird nie. „Lean Management“ heißt eine Unternehmenskultur, die auf ständige Verbesserung von Arbeitsprozessen und Mitarbeitern ausgerichtet ist. Den optimalen Angestellten zu schaffen ist anstrengend.
Carmen Losmann wertet nicht. In ruhigen, klaren Einstellungen zeigt sie Teamsitzungen, Coachings, Bürokomplexe. Und doch macht die allseits demonstrativ zur Schau gestellte Professionalität zunehmend frösteln. „Ich habe nichts gegen neue Büros. Aber der Anspruch von Firmen, auf die gesamte Persönlichkeit der Mitarbeiter einzuwirken, ist diskussionswürdig“, sagte die 32-Jährige, als sie ihren Film auf Einladung der Braunschweiger Kunsthochschule im ausverkauften Universum-Kino vorstellte.
Wieder Samstag, Sonntag, Dienstag, 21.15 Uhr, Universum Braunschweig.

