Radeln auf den Spuren von Max und Moritz
Wiedensahl Wiedensahl lockt mit dem Geburtshaus Wilhelm Buschs und einem Radwanderweg zu den Orten seiner Jugendstreiche und Spaziergänge im Alter.
Auf ins Hagehufendorf. Schon dieser Fachausdruck klingt wie geschaffen von Wilhelm Busch. Hagehufe, so könnte ein stieseliger Lehrer heißen oder der Landespferdewart. Doch es ist die Bezeichnung eines Siedlungstyps, der sich in Wiedensahl, Buschs Geburtsort nahe dem Steinhuder Meer, bis heute sichtbar erhalten hat: langgestreckt an einem Bachlauf liegen die Höfe, zur anderen Seite verläuft ebenso gerade die Straße – Wiedensahl ist also quasi eine Reihenhaussiedlung. Und zwar voller schnuckeliger Backsteinhäuser, oft noch mit schönen Höfen und Bauernscheunen dazu. Eines ist das Stammhaus der Oetker-Dynastie.
Unter alten Kastanien steht hier auch das Geburtshaus Buschs, das ein Museum beherbergt. Man kann das Schlafzimmer besichtigen, in dem er 1832 geboren wurde, und allerlei Wissenswertes über sein weiteres Leben aus den Schubladen ziehen. An Hörstationen werden seine Texte vorgelesen. Längst ist auch Wiedensahl ein modernes Entdeckermuseum. Und ein Spielpfad für Kinder wurde entwickelt, auf dem sie Situationen aus Buschs Bildergeschichten nachspielen können. Ob nun mit Kostüm oder ohne.
Basteln, zeichnen, malen nach Buschs Motiven ist sowieso angesagt, war nicht der alte Mann mit dem langen Rauschebart ein Leben lang ein großes Kind? Das Karikaturen fertigte und mit seinen Bildergeschichten wie „Max und Moritz“ oder „Hans Huckebein, der Unglücksrabe“ den Comic vorwegnahm? Und statt sich in die Verantwortung von Ehe und eigener Familie zu stellen, lieber weiter seine Jugendfreunde besuchte und im Haushalt der Schwester als guter Onkel seiner drei Neffen lebte.
Zur Abwechslung liebte er einsame Spaziergänge rund ums Dorf. Als Knabe hatte er es verlassen, wurde als überzähliges Kind mit neun Jahren zum Onkel Pastor nach Ebergötzen geschickt, studierte später Malerei und wurde erfolgreich. Lebte in Hannover, Düsseldorf, Wolfenbüttel, München und Frankfurt. Und dann kam er 1879 zurück in die Heimat. Er wohnte im Pfarrhaus beim Schwager. Ein Museum dort lässt den Blick aus seinen einstigen Kammern zu: über den Friedhof und in den Pfarrgarten; vorm Hof liegt der Sahl, jener Rest des Sees, der dem Ort den Namen gab.
Vor der Tür des Geburtshauses kann man sich ein Fahrrad leihen, um die flache, wiesenreiche Landschaft zu erkunden, die Busch so liebte. Ehrlich norddeutsch ist sie. Führt über Bach und Stein, und bietet manche Ausblicke, die man auf Buschs Bildern wiedererkennt. Das Tourismus-Marketing Schaumburger Land hat nicht nur den Wegeplan herausgegeben, sondern auch Tafeln in die Landschaft gestellt, auf denen man die Bilder und passende Busch-Zitate findet.
Okay, heute steht auch das ein oder andere Windrad dazwischen. Stört gar nicht. Stört auch nicht das Storchenpaar, das am Weiher hinterm Dorf herumstakst. Die Forellen im Bach sind dagegen trügerisch: sie gehören zum Wassertest, mit dem man sich vor Auswirkungen der nahen ehemaligen Sondermülldeponie Münchehagen sichern will.
Dann führt der Weg in den Findlingswald Neuenknick. Unter alten Eichen und Buchen wurden hier 2000 dicke Felsbrocken aus der Gegend zusammengetragen, Relikte der Eiszeit. Busch hatte auch ein solches Exemplar in freier Landschaft gezeichnet, doch gerade dieser Stein wurde noch zu seinen Lebzeiten für den Straßenbau gesprengt.
Busch war ein guter Wanderer, nach Natenhöhe zum Förster ist es kein Katzensprung. Er selbst schildert, wie er mal im dicksten Gewitter im Matschgraben Zuflucht suchen musste. Hätte er es doch nur bis zur Hütte des Schweinehirten geschafft, die ist heute schick restauriert. Unsere Radtour bringt es auf 26 Kilometer, Abkürzungen erlaubt. Im Garten des Neuen Elternhauses, gleich neben dem alten, kann man sich bei selbstgebackenem Kuchen der Nachfahren Buschs, die hier ein Café betreiben, stärken.
Wilhelm Busch zog 1898 noch einmal fort – zu seinem Neffen, dem Pastor in Mechtshausen bei Seesen, wo er 1908 starb.



