Mit Bach gegen die Kälte
Braunschweig Am Samstag um 19 Uhr, spielt Thomas Beckmann Cello im (Restkarten: 0531/16606) zugunsten seiner Stiftung, die Projekte für Obdachlose unterstützt.
Sie spielen Bachs Cello-Suiten. Um so richtig Geld für Obdachlose zu sammeln, müssten Sie eigentlich eine Rockband engagieren.
Ich habe erstmal getan, was ich selbst konnte. Als 1993 Obdachlose in der Düsseldorfer Altstadt erfroren, habe ich mich entschlossen, etwas gegen die Gleichgültigkeit zu unternehmen, mit der offenbar tausende Passanten an diesen Menschen vorbeigegangen waren. Man kann eben nicht immer nur sagen, das sei Sache des Staates.
Wir mussten möglichst schnell Schlafsäcke beschaffen. Mir ging es um Meinungsbildung durch Musik. Und ich richtete mich zunächst an jene Bildungsbürger, die als Multiplikatoren in die Gesellschaft hineinwirken. Bei vielen ist der Schuldgedanke leider noch sehr prägend. Nach dem Motto, wer Drogen nimmt, ist selbst schuld an seinem Unglück. Aber in einer christlich geprägten Gesellschaft darf man da nicht stehen bleiben. Wenn Raucher Krebs kriegen, werden sie ja auch behandelt. Es ist ein Gebot der Barmherzigkeit, sich um die Obdachlosen zu kümmern, selbst wenn sie nicht unseren Vorstellungen von leistungsbereiter Lebensführung und Selbsthilfe entsprechen.
Müsste sich nicht tatsächlich der Staat um diese durchs Raster des Sozialstaats Gefallenen kümmern? Was läuft da falsch?
Mit fünf sah ich, wie mein Vater einem Bettler Geld in den Hut warf und fragte, wer sich um den kümmert. Mein Vater, sagte: der Staat. Ich: Wer ist das? Er: Wir alle. Und da soll ich gefragt haben: Wenn sich alle um ihn kümmern, warum sitzt er dann hier?
Wir müssen damit umgehen, dass viele Menschen die Hilfe nicht abholen, die ihnen zustehen würde. Entweder weil sie illegal im Land sind. Oder weil sie den Alltag längst nicht mehr bewältigen, depressiv sind oder schlichtweg verzweifelt und hoffnungslos. Es gibt Menschen, denen die Intelligenz und die seelische Kraft für so einfache Dinge wie einen Behördengang fehlen. Daher ist eine aufsuchende Sozialarbeit nötig: psychologisch geschulte Sozialarbeiter, die zu den Obdachlosen hingehen, sie aufzubauen versuchen.
Aber ich sage auch klar: Es gibt Menschen, die sich Therapien verweigern, die in Heime mit Alkoholverbot nicht einziehen, auch denen müssen wir helfen. Man kann Menschen nicht zu unserer Auffassung von Glücklichsein zwingen.
Muss man also den Druck auf den Staat erhöhen, mehr in diese Formen aufsuchender Sozialarbeit zu investieren?
Seit 1996 mache ich die Benefizkonzerte, und ich glaube, wir haben einen Meinungswandel in der Bevölkerung erreicht. Es wurden vielerorts die Tafeln gegründet, die kostenlos Nahrung, die anderswo übrig bleibt, verteilen. Es entstanden Suppenküchen und Wärmestuben. Und die Obdachlosenzeitungen als Selbsthilfeprojekte.
Kommen auch Obdachlose in Ihre Konzerte?
Sie haben freien Eintritt. Und es kommen mehr, als man meint. Übrigens haben wir auch viele junge Zuschauer, mehr als in Sinfoniekonzerten, manchmal 50 Prozent.
Müsste man die Jugend nicht noch stärker durch Stars aus ihrer Szene abholen?
Das wäre wichtig, denn auch wegen des schwindenden Einflusses der Kirchen gerade bei Jugendlichen findet eine christliche Erziehung kaum mehr statt. Als Düsseldorfer Junge ging ich einmal die Woche zum Messdienerunterricht, danach spielten wir Fußball. So bekam man doch wenigstens einmal gesagt, das man das Gute tun soll, das Böse lassen. Heute ist alles auf Konsum ausgerichtet. Güter werden mit Werten verwechselt.
Mit den Stars ist das aber so eine Sache, auch bei klassischen Kollegen. Wenn sie mit einem Benefizkonzert auf Tour gehen, können sie nicht zwei Monate später auf eigene Kasse wiederkommen. Es kämen also nur ein paar Großkonzerte in Frage. Dafür bräuchte man Hallen und Werbung, das ist eine ganz andere Organisation. Ich brauche nur jemand, der mir die Kirche aufschließt. Ich organisiere alles selbst für ein Sozialarbeitergehalt, für das Konzert nehme ich nichts.
Hat Ihnen die Wahl zum „Bürger des Jahres“ geholfen?
Es gab ein Rauschen im Blätterwald, das ist gut. Aber auf die „Bild“-Eins habe ich es nicht geschafft. Und wenn ich beim ZDF-Intendanten frage, ob er nicht eine Obdachlosen-Gala machen würde, hört der sich das freundlich an, aber lehnt dann doch ab: Das Thema gilt als unappetitlich.
Roman Herzog und Johannes Rau waren Ihre Schirmherren. Was halten Sie von Joachim Gauck?
Er hat eine beeindruckende Biografie als Oppositioneller in der DDR. Aber wenn er den Freiheitsgedanken so hoch hält, verstehe ich nicht, weshalb er sich gegen die Occupy-Bewegung ausgesprochen hat, statt den jungen Leuten Mut zu wünschen, wenn sie Zustände kritisieren, die sogar Konservative ablehnen. Und dass er Sarrazins Buch damals mutig nannte, regt mich jetzt noch auf. Sarrazin behauptet, Suppenküchen würden sozial Schwache bequem davon abhalten, für sich selbst zu sorgen, und empfiehlt Kochkurse für Hartz-IV-Empfänger. Das geht völlig an der Realität vorbei. Und dem hätte Gauck entgegentreten müssen.



