Michy Reincke singt in Braunschweig
Braunschweig 1984 landete er mit seiner Band Felix de Luxe den Hit „Taxi nach Paris“. Nach der Trennung folgte keine große Karriere, sondern ein Geheimtipp-Status.
Der Hamburger Sänger und Songschreiber Michy Reincke gibt am Samstag, 25. August, 21.30 Uhr, eines der ersten Konzerte beim Braunschweiger Festival „Kultur im Zelt“. Wir sprachen mit dem 52-Jährigen über sein Leben nach Felix de Luxe, Kultur-Kapitalismus und den perfekten Popsong.
Nach der Auflösung von Felix de Luxe Ende der 80er Jahre haben Sie als Solo-Künstler weitergemacht und bis 1993 drei Alben veröffentlicht. Dann folgte eine sechsjährige Pause. Warum?
1993 wurde das formatierte Radio eingeführt. Selbst beim öffentlich- rechtlichen Rundfunk hat man die Programmgestaltung gleichsam Unternehmensberatern an die Hand gegeben, sich dem Gesetz der Effizienz unterworfen und die eigene Kompetenz, Musik zu empfehlen, weitgehend aufgegeben. Die Berater haben festgestellt, dass sich Reklame am besten verkaufen lässt, wenn fortwährend die 20 bis 40 größten aktuellen Hits laufen. Meine Songs gehörten nicht dazu.
Die kapitalistische Kulturordnung hatte zur Folge, dass sich auch die Schallplattenfirmen umstellten. Gute Musik bestand in deren Augen nun auch aus Hits, Hits, Hits. Ich konnte keine Firma mehr für mein Werk gewinnen. Da habe ich mich entschlossen, mein eigenes Label Rintintin-Musik zu gründen. Das aufzubauen, hat einige Zeit gedauert.
Was macht für Sie einen guten Song aus?
Die Vollkommenheit eines Popsongs liegt in der Absichtslosigkeit. Wenn man ein Stück zu lange poliert, führt das nicht zu Perfektion, sondern zu Kälte und Sterilität. Zur Vollkommenheit gehört auch das Akzeptieren von Fehlern.
Dem, was ich mit Absichtslosigkeit meine, liegt ein Gedanke von Picasso zugrunde. Der sagte in einem Interwiew zu seiner Arbeitsweise: Wenn ich montags eine Idee habe, male ich dazu über die Woche 200 verschiedene Blätter. Dann lasse ich das liegen, und drei Wochen später sortiere ich 199 Zeichnungen aus. Eine bleibt.
So verfahre ich auch: Ich schreibe viel, ich drücke mich aus, es ist viel Mist darunter, aber auch einige gute Gedanken. Wenn ich die filtere, ist das eine Essenz des Augenblicks. Aus einem zufälligen Zustand heraus ist etwas Gutes gelungen. Ich bin wie ein Muschelsucher und präsentiere dann nur schönsten.
Es heißt, als junger Mann sei Ihr Idol Bob Dylan gewesen. Aber schon mit Felix de Luxe haben Sie in den politisch bewegten 80er Jahren sehr persönliche, etwas bohèmehafte Texte geschrieben, und das scheint mir bis heute so zu sein.
Ich bin als junger Mann auch zu Atomdemos nach Brokdorf gefahren und halte mich bis heute sehr wohl für einen politischen Menschen. Aber es ist fraglich, ob man in dreieinhalbminütigen Popsongs relevante Aussagen treffen kann.
Was ich interessanter finde, ist das Mikroskop auszupacken und die menschliche Natur zu beleuchten. Humor ist mir wichtig dabei, und ich will auch unterhalten. Es geht mir aber durchaus auch um die ersten und die letzten Dinge. Unser Bewusstsein erstreckt sich ja nur auf ein paar Jahrzehnte Leben. Und die Frage ist: Was mache ich damit? Verbringe ich meine Zeit mit Dschungelcamp gucken? Laufe ich nur Moden hinterher? Oder dem Geld? Brabbele ich den Kram nach, den sie mir von morgens bis abends in den Medien vorkauen?
Ich meine, wenn Geld wirklich relevant wäre, dann müsste unsere Kultur in Glückseligkeit baden. Aber schauem Sie mal in die Gesichter der Leute in der U-Bahn…
Die Pop-Chansons Ihres jüngsten Albums „Der Name kommt mir nicht bekannt vor“ haben Sie mit Band eingespielt. In Braunschweig treten Sie in einer akustischen Trio-Besetzung auf. Welches Programm erwartet die Zuhörer?
Eine ganzheitliche Form der Unterhaltung. Ich empfinde mich als Entertainer und genieße es, meine Zuhörer in meine Gedankenwelt einzubinden.
Ich lasse mir auf der Bühne gerne Zeit, um über die Dinge des Lebens zu philosophieren. Lustig wird das aber auch. Und mit Jörn Heilbut und Ralf Denker habe ich zwei tolle Gitarristen und Sänger dabei. Im November komme ich dann auch noch mal mit Band nach Braunschweig.



