Komische Katastrophen
Braunschweig Der Regisseur Nicolai Sykosch inszeniert Kafkas Roman „Amerika“ im Braunschweiger Staatstheater
„Der Kerl macht einen nervös beim Lesen“, seufzt Nicolai Sykosch, „der kann einen richtig wahnsinnig machen!“ Die Rede ist von Karl Rossmann, einem 16-jährigen Deutschen, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts von seinem Vater in die USA verbannt wird, weil er sich von einem Dienstmädchen verführen ließ und selbiges schwängerte. Dort erlebt er allerlei absurde, zumeist katastrophale Abenteuer und Bekanntschaften.
Karl Rossmann ist der Held des Roman-Fragments „Amerika“ von Franz Kafka (1883-1924). Eine eigene Dramatisierung des Romans inszeniert der Regisseur Sykosch (49) derzeit am Braunschweiger Staatstheater. Premiere ist am Freitag um 19.30 Uhr im Kleinen Haus.
Was Sykosch an Karl Rossmann so wahnsinnig macht: „Der ist so unerfahren, so gutmütig, der versucht es irgendwie allen recht zu machen, der tappt auf seinem Irrweg durch die fremde neue Welt aber auch wirklich in jede Falle, man möchte ihn wie den Kasper aus dem Puppenspiel schütteln und ihm dauernd zurufen: Mensch, das sind doch die Bösen! Aber er ist ein Dulder, er leidet passiv, als sagte er sich: Das muss jetzt anscheinend über mich kommen. Diese Haltung macht mich nervös!“
Kafka, ja nun, einer der Klassiker der Moderne. Bisschen verstaubt. Gilt als extrem schwierig, schlechterdings unverständlich. Aktuell ist er Abiturstoff. So kommt er auf die Spielpläne, ist ja logisch. „Das mit dem Abiturstoff habe ich gar nicht gewusst, als ich die Regie übernahm“, beteuert Sykosch, für den es die vierte Inszenierung in Braunschweig ist.
Aber er will weg vom Image des Prager Dichters als großem Düsteren der Literaturgeschichte. Kafka habe viel über Amerika gelesen und sei ein großer Kinogänger gewesen. „Er mochte die damaligen Filmkomiker wie Buster Keaton.“
Daraus resultiere zum einen eine fiebrig-modernistische Atmosphäre im Roman, zum anderen aber „die skurrile Komik eines deprimierenden Untergangs. Er ist komisch, weil er so verzweifelt ist.“
In Amerika gewesen ist Kafka allerdings nie. Und so ein verqueres Road-Movie ins Theater zu zwängen – wie geht das?
Sykosch schmunzelt: „Er hat das alles geschrieben in der Wohnung, in der er noch mit seinen Eltern gelebt hat. Und wir haben das Glück, dass unser Rossmann-Darsteller David Kosel eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Kafka hat, wenn man ihn entsprechend zurecht macht...“
Wir ahnen, was uns erwartet: Eine Geschichte, die sich auf den Flügeln der Dichterfantasie aus der Enge der Prager Wohnung ins unendliche Amerika entspinnt...


