Karl Schlögel plädiert für das deutsche Erbe in Osteuropa
Wolfsburg Der Historiker wurde in Wolfsburg mit dem Hoffmann-von-Fallersleben-Preis ausgezeichnet. Er forderte eine Besinnung auf deutsche Spuren in Osteuropa.
Zur kritischen Sicherung der Spuren deutscher Kultur in Osteuropa rief Karl Schlögel am Sonntagabend im Theater Wolfsburg auf. „Die Revisionisten sind passé“, erklärte der siebte Träger des Hoffmann-von-Fallersleben-Preises für zeitkritische Literatur. Der Weg sei frei für eine unvoreingenommene Besinnung auf die kulturellen Leistungen der Deutschen, ihre Traditionen und Errungenschaften sowie ihre Beziehungen zu den Völkern Osteuropas.
„Gdansk war auch Danzig. Kaliningrad hat auch eine Geschichte als Königsberg“, sagte der 63-jährige Professor an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Kant habe dort gelebt und geschrieben. Dies gelte es, wieder bewusst zu machen. Zum einen, um die Pflege alten ostdeutschen Brauchtums aus seiner Verdrängung zu lösen, zum anderen um mit Polen, Ungarn, Balten, Tschechen, Rumänen und Russen in guter Nachbarschaft zu leben.
Der Verlust der einstigen Ostgebiete infolge des Nazi-Krieges sei, so Schlögel, „nicht nur ein Verlust der Vertriebenen, sondern des ganzen deutschen Volkes“. Den Heimatverlust aber teilten sich die Deutschen mit aus ihrem Osten vertriebenen Polen, heute sogar mit jenen Russen, die nun als Minderheit in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion leben müssten. Es gehe nicht um Grenzen und deren Veränderung, es gehe um eine vorurteilsfreie Geschichtssicht.
Dieser Teil deutscher und damit europäischer Geschichte sei hinter dem Eisernen Vorhang versunken und im Westen ausgesperrt worden. Aber es sei notwendig, sich daran in aufgeklärter, historischer Analyse zu erinnern und die „zur europäischen Kultur gehörenden Städte und Landschaften Osteuropas“ aufzusuchen, zu entdecken und ins europäische Denken einzubeziehen.
Schlögel, der sich als Alt-68er bekannte, erhielt den mit 15 000 Euro dotierten, biennal vergebenen Hoffmann-von-Fallersleben-Preis für seine kritische Auseinandersetzung mit der Unterdrückung in der Stalinära der Sowjetunion, aber auch für seine aktuellen Bücher über Osteuropa.
Im Stil von Reportagen beziehe Schlögel Aspekte der Kultur, des Volkslebens, der Geschichte, der Architektur und ihres Wirkens in der Gegenwart in seine historischen Werke ein, erklärte der Laudator Professor Dr. Christoph Kleßmann.
So zeigte sich Schlögel auch am Abend der Preisverleihung als ein Mann, der Europa „nicht auf die Eurozone“ oder die Europäische Union begrenzt, sondern als einen Kontinent der Menschen sieht: Die Wanderarbeiter zwischen Minsk und Manchester, die Spediteure europäischer Autos in Litauen, die Liedermacher in Baku und die Fußballfans in Breslau schaffen Europa.


