In den Folterkammern der DDR
Braunschweig Der junge Regisseur Toke Constantin Hebbeln präsentierte in Braunschweig seinen Film „Wir wollten aufs Meer“ über das Ende der DDR
Dem deutschen Film ist ein mächtig gewaltiges Thema zugewachsen: die DDR. Die DDR ist ein großartiger Filmstoff, weil sie sehr geeignet ist, vor der erbarmungslosen Alternative von Anpassung und Widerstand menschliche Konflikte auf die Spitze zu treiben. Die DDR ermöglicht ein dramatisches Schwarzweiß-Licht, das die liberale bundesrepublikanische Wohlstandsgesellschaft beim besten Willen nicht hergibt.
Am Montag präsentierte der 32-jährige Regisseur Toke Constantin Hebbeln im Braunschweiger Universum-Kino seinen Spielfilm-Erstling „Wir wollten aufs Meer“. Es geht um zwei jugendliche Freunde (Alexander Fehling, August Diehl), die in den 80er Jahren gemeinsam zur See fahren wollen – die einzige Chance für DDR-Bürger, die Welt zu sehen. Sie geraten ins Netz der Stasi.
Daraus entspinnt sich ein bizarres, deprimierendes Spiel aus Vertrauen und Verrat, aus Erpressung, Täuschung, Rache und Reue. Hebbeln zeigt, wie Freundschaften, Familien, Leben kaputt gemacht wurden. Er führt die Zuschauer in die Katakomben des Überwachungsstaats und die Folterkammern der Justiz.
Im Anschluss an die Premiere sprachen wir mit dem Regisseur.
Es gibt inzwischen viele Filme, welche das Leben in der DDR aufarbeiten. Aber keiner schildert es so hart und trostlos wie Sie – selbst Donnersmarcks „Das Lebender Anderen“ nicht. Ist Ihr Film auch ein politisches Statement gegen Verklärung und Verharmlosung?
Drehbuch-Autor Ronny Schalk, der aus Halle stammt, und ich haben genau recherchiert, viel gelesen, mit vielen Opfern und einigen Tätern gesprochen. Es gab keinen Grund, irgendetwas zu beschönigen, zumal bei mir als Westdeutschem ja Ostalgie gar nicht erst aufkommen konnte. Uns ging es um die radikale Frage: Wie konnte man in einem Staat leben, der mit seinen flinken Fingern bis in die privatesten Bereiche vordringen konnte? Das ist das wahrhaft Monströse an der DDR, diese ,Zersetzung des Individuums, wie Stasi-Chef Mielke das nannte.
Dennoch werden Sie an dem vom Thema her ähnlichen Film „Das Leben der Anderen“ gemessen werden. Stört Sie das?
Es sind zwei verschiedene Filme. Ich beschreibe Jugendliche, und zwar solche aus einer späteren Generation. Der reflexhafte Antifaschismus und andere Propaganda der DDR sind für sie nur noch Phrasen. Sie sind desillusioniert, die Staatsmacht begegnet ihnen nur noch zynisch. Ich habe versucht, tief in ihre Psyche einzudringen. Übrigens glaube ich, dass dieses Thema noch längst nicht erschöpft ist. Da gibt es noch viel zu erzählen.
Dennoch läuft man bei Filmen über die DDR ähnlich wie bei solchen über die Nazi-Zeit Gefahr, in ein simples Gut-Böse-Spiel zu verfallen.
Deswegen versuche ich ja, die Charaktere differenziert zu zeichnen und Grautöne herauszufiltern statt nur Schwarzweiß. Auch bei dem jungen Mann, der zum Stasi-Spitzel wird, den August Diehl so ungeheuer eindringlich spielt, arbeiten wir widerstreitende Gefühle heraus. Ich habe nicht einen Film über die DDR gemacht, sondern einen vor dem Hintergrund der DDR. Es geht um archaische menschliche Gefühle wie Freundschaft, Verrat, Paranoia. Die Geschichte könnte auch vor einem ganz anderen Hintergrund spielen – etwa der Französischen Revolution oder dem Finanzkapitalismus.
Ihr Film lebt von großartigen Schauspielern wie August Diehl, Alexander Fehling, Ronald Zehrfeld, Sylvester Groth, Rolf Hoppe, Thomas Lawinky. Zwar sind Sie bereits mit einem Studenten-Oscar prämiert, aber doch noch ein Neuling. Wie haben Sie all diese Stars gewonnen?
Wirklich starke, tiefe Rollen sind rar im deutschen Film. Die drei jungen Schauspieler haben das Drehbuch gelesen und fast gleichlautend gesagt: ,So etwas bekomme ich selten auf den Tisch.’ Zu Hoppe bin ich hingefahren in sein kleines Dresdner Theater. Beim Gespräch hinterher habe ich ihn gewinnen können. Er wollte den Stasi-Offizier wie einen guten Onkel spielen. Das macht er grandios, weil er dadurch umso gefährlicher wirkt. Das einzige Problem: Er trug einen meterlangen Bart. Ich traute mich nicht zu bitten, ihn abzunehmen. Ich sah voller Panik nur noch den Bart! Da sagte er ganz am Schluss des Gesprächs: „So, jetzt gehe ich erstmal ins Bad und rasiere mich.“
Thomas Lawinky, der einen sadistischen Gefängnis-Aufseher spielt, war selbst Stasi-Zuträger. Wie ist er damit umgegangen?
Er ist ein sehr kluger und sensibler Mensch, den seine Verstrickung bis heute umtreibt. Aber er wirkt daran mit, diese Geschichte aufzuarbeiten. Das finde ich bewundernswert. Er hatte zunächst Schwierigkeiten mit der Rolle, aber wenn es losgeht, legt er einen Schalter um und spielt, dass einem der Atem wegbleibt.
Was ist Ihr nächstes Projekt?
Das Thema lässt mich noch nicht los. Es wird um Markus Wolfs DDR-Auslandsgeheimdienst gehen.



