„Ich bin nur ein schlichter Schottenjunge“
Helmstedt Ein Konzert mit Werken des weltberühmten Video-Künstlers Douglas Gordon zum Abschluss des Festivals Soli Deo Gloria im Bisdorfer Schafstall
Das Rittergut Bisdorf mit seinem hellgelben, säulenbewehrten Herrenhaus und den rotschindeligen Hofgebäuden verströmt mitten in der Hightech-Region zwischen Wolfsburg und Helmstedt einen Hauch nostalgischen Adels-Idylls. Zumal, wenn ein freundlicher Hund namens Othello aus dem alten Schafstall stromert und sich vertraulich ans Bein des Besuchers schmiegt, als sei er aus einem Fontane-Roman entsprungen.
Der Hausherr, ein Graf mit uraltem Stammbaum, ist indes nicht ganz standesgemäß im Inneren des Schafstalls mit Bilderschleppen beschäftigt. Es sind etwas unheimliche Bilder: Schwarzweiß-Porträts von berühmten Dirigenten wie Gustav Mahler, Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan, Karl Böhm, Leonard Bernstein. In die Oberflächen sind Löcher gebrannt. Die teilweise verkokelten Bilder sind auf Spiegel aufgezogen.
„Hang it higher“, ertönt plötzlich eine Stimme im harten, etwas knarzigen Schotten-Englisch. Sie gehört zu einem kleinen bärtigen Mann mit tätowierten Armen. Der Graf gehorcht. „Er möchte, dass sich für den Eintretenden Toscanini direkt im Bild von Kurt Masur spiegelt“, erläutert er.
Der Vater spielte Dudelsack, die Mutter betete
„Let’s have a cup of tea“, sagt der Schotte. Es ist der weltberühmte Video-Künstler Douglas Gordon, der auf Einladung von Günther Graf von der Schulenburg zum Abschluss von dessen Festival „Soli Deo Gloria“ sein Filmkunstwerk „k. 364“ vorführt – synchron zur Live-Aufführung des Mozart-Werkes mit ebenjener Köchelverzeichnis-Nummer. Es ist die konzertante Sinfonie für Violine und Viola aus dem Jahr 1779.
Zugleich gibt es eine Ausstellung der verschmurgelten Dirigenten-Porträts, die Gordon neu geschaffen hat. Er sei schon als Kind ein Pyromane gewesen, erläutert er. „Vielleicht, weil ich dem, was ich liebte, immer ganz nah kommen wollte. Dabei zerstört man es manchmal. Und wenn man über bewunderte Menschen spricht, spiegelt man sich in gewisser Weise in ihnen.“
Sein Film handelt von zwei jüdischen Musikern, die von Berlin nach Warschau reisen, um Mozarts Werk zu erleben. Ihre Gespräche kreisen um das Verhältnis der Deutschen und Polen und das Schicksal der Juden in Polen während des zweiten Weltkrieges. Im zweiten Teil erklingt die Sinfonie, gespielt vom Kammerorchester des polnischen Rundfunks – also jenem Klangkörper, der auch in Bisdorf auftritt.
Beim Tee erweist sich Gordon als gewitzter Plauderer. Er erzählt von seinem Vater, der in der Sozialwohnung in Glasgow Dudelsack spielte, während seine Mutter zu den Zeugen Jehovas pilgerte. Von seiner Freundin, die ein Sopran ist und ihn in die Welt der klassischen Musik einführte, die seitdem eine große Rolle spielt in seinem Werk.
Die reisenden Musiker, die er filmisch begleitet hat, wollten „ganz nah sein am Körper der Musik“, sagt Gordon. „Sie sollte ihnen unter die Haut gehen. Das will ich auch mit meinem Film erreichen.“
Warum aber Mozart? Was bedeutet ihm Mozart? Er gießt einen Schwall Milch in seinen Tee und schüttelt grinsend den Kopf: „Über Mozart kann ich mich nicht äußern. Dazu fehlt mir die Autorität. Ich bin nur ein schlichter Schottenjunge. Ich kann höchstens etwas zu dem Werk sagen“. Na gut.
Verfallen der Idee von der musikalischen Aufklärung
Das Zusammenspiel zwischen Viola und Violoncello sei für ihn die Idee, wie sich eine Harmonie entwickeln könne zwischen Freunden, ein zerbrechliches Gleichgewicht, sagt er. „Meines Wissen ist darin die Viola zum ersten Mal zum Solo-Instrument erhoben worden. Es ist eine Einladung des Cellos an die Viola. In meiner ganz einfachen Interpretation ist das Orchester hier die Idee einer Gemeinschaft, wo ein Mitglied das andere ins Licht einlädt und beide ihre Gemeinsamkeiten und Gegensätze ausspielen. Es ist, wenn man so will, eine sehr demokratische Musik.
Also Mozart als Modell für menschliches Zusammenleben?
Da grinst er wieder und schüttelt den Kopf: „Deshalb will ich nichts über Mozart sagen. Was ich sagen kann: Diese Musik vermittelt vielleicht kein Menschheits-Modell. Aber sie vermittelt die Idee, dass einige Instrumente für einen Zeitraum in Harmonie existieren können. Wie gesagt, ich bin nur ein einfacher Schotte, verfallen der Idee von der musikalischen Aufklärung.“
Da schiebt der Hofhund Othello sich zwischen uns. „Hey, old friend“, sagt Douglas Gordon sanft und krault ihm den Nacken.
Es gibt noch Karten. Aufführungen am Sonnabend um 20 Uhr und Sonntag um 17 Uhr im Schafstall Bisdorf.
