Hoffmann-Preisträger Schlögel: Nationale Frage ist aktuell
Wolfsburg 400 Gäste kommen zur Verleihung des Hoffmann-von-Fallersleben-Preises für zeitkritische Literatur im Theater Wolfsburg am Sonntag, 17. Juni, 15 Uhr.
„Aus allen Teilen Deutschlands kommen Besucher“, freut sich Kurt Schuster, Präsident der Hoffmann-von-Fallersleben-Gesellschaft. Überraschend sei sogar Preisträger Karl Schlögel einen Tag lang in Fallersleben gewesen, um sich von Schuster in die Atmosphäre von Hoffmanns Geburtsort und ins Archiv einführen zu lassen. In einem vorab geführten Telefongespräch erklärte Schlögel, dass diese Preisverleihung „eine große Ehre und eine Anerkennung meiner Arbeit“ ist. Er freue sich in einer Reihe mit den bisherigen Preisträgern von Peter Rühmkorff bis Herta Müller zu stehen: „Das ist eine Auszeichnung“.
Die Reihe der bisherigen Preisträger habe dieser biennal mit 15 000 Euro dotierten Auszeichnung ein „hohes Ansehen“ verschafft, erklärte Schlögel.
Er fügte hinzu, dass es für ihn wie andere Schriftsteller und Gelehrte auch wichtig sei, dass der Preis mit einem Preisgeld verbunden sei. Die Sparkasse Gifhorn-Wolfsburg stiftet den Betrag.
Schlögel bekannte, dass die Verleihung ihn auch veranlasst habe, sich „intensiver als bisher mit dem Werk Hoffmanns von Fallersleben“ zu befassen. Dabei habe er sehr viele neue Facetten des Lebens und Wirkens dieses Dichters entdeckt. In seiner Dankrede wolle er deshalb insbesondere auf den Aspekt der nationalen Identität der Deutschen eingehen. „Das ist ein immens wichtiges Thema für unsere Nation“, sagte er, einfach „hochaktuell“.
Die gegenwärtige Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine zeige, wie inzwischen das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen von einem „tieferen Verständnis und einer höheren Achtung“ gekennzeichnet sei. So sei es möglich, von Danzig, Posen und Breslau zu sprechen, ohne Ressentiments auszulösen. „Die Deutschen haben gelernt, dass diese Städte eine Geschichte nach 1945 haben. Und die Polen wissen, dass diese Städte eine Geschichte vor 1945 hatten“, erklärte der Historiker.
Events wie der europäische Song-Contest und die Europa-Meisterschaft im Fußball führten aber auch Menschen in Städte und Regionen, die sie sonst nicht besucht hätten: „Es lohnt sich zum Beispiel Lemberg kennen zu lernen oder zu sehen, wie sich heute Stettin entwickelt“, betonte Schlögel. Schlögel tritt in seinem eigenen publizistischen Werk für die Wiederentdeckung des alten Europa im Osten ein. Er distanziert sich dennoch davon, dass sogleich alle Länder in die EU aufgenommen werden müssten. „Die Europäische Union ist ein fragiles Gebilde, das nicht weiter gefährdet werden darf“. Aber die westlichen Staaten Europas, insbesondere Deutschland, sollten die kulturelle Verbundenheit mit Osteuropa neu entdecken und entwickeln.
Professor Karl Schlögel lehrt an der deutsch-polnischen Grenzuniversität in Frankfurt an der Oder. Er sagte, es freue ihn, dass er sich zurzeit mit Schriften befasse, die „durch Hoffmanns Hände gegangen sind“. Als Preußen die Universität in Breslau um die Germanistik erweitert habe, sei die Bibliothek aus Frankfurt/Oder dorthin gebracht worden. Hoffmann von Fallersleben (1798 bis 1874) war in Breslau Bibliothekar. Die Bestände kehren digitalisiert zurück nach Frankfurt/Oder.
