Henze war ein Monument der Gegenwartsmusik
Braunschweig Zum Tod des Komponisten und Braunschweiger Spohr-Preisträgers Hans Werner Henze, der am Sonnabend in Dresden mit 86 Jahren gestorben ist.
Von Andreas Berger
Der kahle Schädel, die immer mehr hervortretenden Wangenknochen, der fast unbewegte Blick – wie die Statue eines Gottes wirkte Hans Werner Henze meist auf mich, wenn er in einem Theater die Ovationen des Publikums entgegennahm. So noch vor sechs Wochen in der Dresdener Semperoper, die mit seiner Revolutionsoper „We come to the river“ die Spielzeit eröffnete.
Henze war schon zu Lebzeiten zu einem Monument deutscher Tonsetzerkunst geworden, ein Charakterkopf gleich Beethoven oder Wagner, gezeichnet von der Parkinson-Krankheit, doch innerlich glühend, unermüdlich weiter schaffend, auch wenn es zuletzt nur noch wenige Minuten, höchstens eine Stunde am Tag war. Aber er rang sich das Werk ab, blieb bei aller Italienlust ein deutscher Leistungsethiker – und ein Idealist, der sich den Glauben an die Wirkmacht der Musik und des Theaters nicht nehmen lassen wollte. Am Tag der Uraufführung eines Balletts auf seine Musik in Dresden, starb Henze nun 86-jährig im dortigen Krankenhaus.
Die Wirkmacht seiner Werke war anfangs durchaus nicht sehr erwünscht im konservativen Wirtschaftswunder-Deutschland. Das lag vielleicht noch am wenigsten an seiner harmonisch fordernden, aber keinesfalls nur geräuschhaften, vielmehr ganz auf den Melos und seinen dramatischen Sog setzenden Musik. (Das gefiel eher den strengen avantgardistischen Kollegen nicht.) Aber sein politischer Anspruch war missliebig. Er verstand sich als Sozialist, war befreundet mit Rudi Dutschke, später Mitglied der kommunistischen Partei Italiens. Die Oper sah er keinesfalls als Ort kulinarischer Stimmartistik, sondern der Bewusstseinsschärfung.
Das musste nicht immer so theatersprengend ausfallen wie bei „We come to the river“ mit seinen Simultanorchestern. In Dresden wurde das Kriegsgeschehen im ganzen Zuschauerraum ausgebreitet, Sänger kletterten über die Stuhllehnen, scheinbare Besucher entpuppten sich als Mitwirkende, die plötzlich mitsangen und -rannten. Nach allen Katastrophen, die die Verstrickungen ins Unrecht deutlich machen und für das menschliche Leid pathetisieren, schließen sich die Menschen zum Choral von einer besseren Zukunft zusammen: „Wir werden stehen auf dem anderen Ufer; unser Schritt ist so sicher jetzt, wir können nicht mehr untergehen.“
Henze konnte diese Aussagen auch im konventionellen Theaterstil erzielen, Uraufführungen an der Deutschen Oper Berlin, in Hamburg oder bei den Salzburger Festspielen bezeugten seinen Rang. Seine „Bassariden“ etwa sind ein mythologisches Drama von antikisch-wagnerscher Kraft. Die Trieb- und Gewaltentfesselung im Zuge des Dionysos und das grausame Erwachen sind unschwer als politische Parabel zu lesen. In der Literaturoper nach Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ arbeitete er sein Deutschtum ab.
Komödiantisch hält er in „Der junge Lord“ der Gesellschaft den Spiegel vor: ein verkleideter Affe ist in Wirklichkeit jener Lord, dessen ungezwungene Mode plötzlich alle nachahmen. Heute wäre er eben als Michael Jackson oder Lady Gaga verkleidet.
Märchenstoffe hat Henze immer geliebt. Vom frühen „König Hirsch“ über das Andersen-Ballett „Undine“ bis zu „L’Upupa“, der fabelhaften, in orientalisches Gewand gekleideten Geschichte vom Triumph der Sohnesliebe. Die Inszenierungen in Dresden und Hamburg verweigerten sich der Deutung, schwelgten plötzlich ihrerseits in märchenhafter Ausstattung und tauchten Henze dadurch in eine mystische Altersmilde, die dem politischen Aufklärer nicht gut ansteht. Zuvor hatte schon München seine Oper „Venus und Adonis“ (1997) aus dem gewagten erotischen Schillern in mythische Statuarik überführt.
Da war die letzte Uraufführung, „Gisela oder Die merk- und denkwürdigen Wege des Glücks“, in Dresden 2010 Henzes Anliegen näher, wenn sie die Passagiere auf einem Flughafen in Traumfiguren aus der italienischen Commedia verwandelt. Henze, der mit seinem Lebensgefährten auf einem Landsitz bei Rom lebte, sah in italienischer Lebensfreude und Sinnenverwirrung ein lichtes Korrektiv zur ernsthaften deutschen Lebensbewältigung.
Das stärkste Werk jener letzten Jahre war für mich die „Phaedra“, die 2007 im Bühnenbild Olafur Eliassons an der Staatsoper Berlin herauskam, ein Spiegelkabinett, das die musikalische Spannung von Ober- und Unterwelt aufgreift, wo der schon verstorbene Hippolyt ein neues sterbliches Leben erringt. Henze hatte während der Komposition seinen ersten lebensgefährlichen Schwächeanfall.
Übrigens hatte der in Gütersloh geborene Henze 1942 sein Musikstudium an der Staatsmusikschule Braunschweig begonnen. Erst 1976 ehrte ihn die Stadt mit dem Spohr-Preis. Wirklich gepflegt wurde er hier zumindest in den vergangenen 30 Jahren nicht. Keine seiner Opern wurde in dieser Zeit am Staatstheater gespielt, während Hannover immerhin „König Hirsch“ und die „Bassariden“ zeigte, sogar das kleine Theater in Hildesheim zu Henzes 80. „Der junge Lord“ herausbrachte. Auch im Sinfoniekonzert Schweigen. 1986 hatte immerhin Imre Keres Henzes Ballett „Undine“ choreographiert. Hier ist noch ein ganzes Universum zu entdecken. Hoffen wir, dass ihm die Unsterblichkeit auch hier zu neuem Leben verhilft.



