Ein Staatstheater bewegt sich, um mehr zu bewegen
Braunschweig Das Buch „Der Kulturinfarkt“ greift die großen Kultur-Institutionen an. Orchesterdirektor Martin Weller vom Staatstheater Braunschweig, hält dagegen.
Was ist gut an diesem Buch?
Ob die Debatte wirklich der Gesellschaft nützt oder nur den Autoren, bleibt abzuwarten. Ich habe Schwierigkeiten, etwas zu entdecken, das ich wirklich hilfreich finde. Vielleicht ist der Gedanke richtig, dass man nicht aus jeder Industriebrache ein Museum machen kann. Aber auch das hängt vom Projekt ab.
Was stört Sie am meisten?
Nicht wahr ist einfach, dass der Kulturbetrieb in unantastbarer Besitzstandswahrung nur auf sich selbst orientiert ist. Wir haben seit der Wende in Ost- und Westdeutschland 3000 Orchesterstellen verloren, 36 Orchester wurden aufgelöst!
Wirklich falsch ist auch die Behauptung, dass sich eine Institution wie das Staatstheater nicht verändert hätte. Es gibt so viele Stücke, die ganz auf Jugendliche zugeschnitten sind. Inszenierungen, die auf die heutige Lebenswirklichkeit Bezug nehmen. Mozart im Kindergarten. „Interkulturelle Tage“, die sich gesellschaftlich einbringen. Unser Projekt „Stadttheater“ als Spielangebot an Amateure gehört auch dazu.
Und das Staatsorchester?
Auch wir bewegen uns ständig in alle Richtungen, um über das bürgerliche Publikum hinaus Zuschauer zu ziehen. Es gibt die hochpopuläre Oper auf dem Burgplatz. Wir haben den Film „Metropolis“ mit Live-Orchester im Sinfoniekonzert gespielt, ein Konzert für Bigband und Orchester aufgeführt. Jedes Jahr füllt sich die VW-Halle in Braunschweig für „Pop meets Classic“ mit Staatsorchester und Rock-, Pop- und Jazzgrößen. Zu „Klassik im Park“ kommen Tausende, so dass wir allein mit diesen beiden Konzerten 20 000 Zuschauer ziehen, gegenüber 40 000 mit Sinfonie- und Sonderkonzerten.
Nun bekommen Sie dafür aber auch gute Subventionen.
Der Ausdruck ist hier ganz falsch, darauf hat schon der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1987 hingewiesen. Subventionen bekommen Wirtschaftsbetriebe, die eigentlich selbständig funktionieren müssten. Wir bekommen öffentliche Zuwendungen, weil wir eine Aufgabe übernehmen, die niemals wirtschaftlich erfüllt werden kann. Das ist dasselbe wie im Bildungssystem. Und wir übernehmen ja längst bis in Kindergärten und Schulen hinein Teile der ästhetischen Erziehung, weil dafür in den Lehrplänen immer weniger Raum ist. Der Kulturetat aller öffentlichen Träger macht nicht mal zwei Prozent der Gesamtausgaben aus. Banken etwa bekommen im Krisenfall mehr öffentliche Gelder!
In Braunschweig streben wir an, 20 Prozent der Kosten selbst einzuspielen, zurzeit liegen wir etwas darunter. Die Autoren des Buches verlangen bis zu 80 Prozent. Wie soll das gehen, wenn man seinem Bildungsauftrag gerecht werden will?
Die Autoren verlangen ja, man solle sich mehr nach dem richten, was die Leute sehen wollen. Sie sprechen von einer Bevormundung, die der Bevormundete auch noch bezahlen muss.
Und da wird das Buch gefährlich populistisch. Kunst ist immer auch mit Anstrengung verbunden, wie Bildung überhaupt. Ich kann aber nicht in der Mathematik die schwierigen Aufgaben weglassen und dann erwarten, dass die so Ausgebildeten die technischen Zukunftsprobleme lösen. Wenn ich das Geld für die Kultur vermehrt in Unterhaltung stecke, unterstütze ich die, die sich nicht anstrengen wollen, und sage ihnen, das ist gut so. Dann wird erst recht niemand mehr nach Mahler fragen. So kommt eine Gesellschaft aber nicht weiter.
Beim Erlernen eines Instruments oder auch beim Sport können Kinder ja spielerisch Lebenserfahrungen machen, die auch im Beruf und im Zusammenleben wichtig sind wie etwa Durchhaltevermögen.
Im Übrigen ist die Argumentation der Autoren hinsichtlich der Vermittlungsanstrengungen reichlich zynisch. Biete ich noch mehr Unterhaltung statt „Hochkultur“ an, ist das doch auch eine Bevormundung. Es ist schon eine Verhöhnung der Kulturvermittler, erst die ästhetische Bildung in den Schulen herunterzufahren, wie es schon geschieht, und dann zu sagen: Ihr habt zu wenig Publikum, wir kürzen die Etats.
Sie spielten auf die soziale Kompetenz an, die sich durch Kultur vermittelt. Natürlich wird in dem Buch auch wieder das Argument beschworen, dass Bildung viele Bürger im Dritten Reich nicht gehindert hat, am Holocaust mitzuwirken.
Leider wahr! Aber katastrophale Vorfälle sprechen dennoch nicht gegen die Richtigkeit zivilisatorischen Strebens. Wir Kulturschaffenden haben nie behauptet, dass wir alle Probleme lösen können. Die kulturellen Phänomene einer Zeit sind vielfältig, auch die Desensibilisierung derMenschen durch Gewaltvideos ist eine kulturelle Entwicklung. Wir wollen den Menschen die Chance zur Teilhabe eröffnen an einer Lebensqualität unabhängig von wirtschaftlichem Erfolg und Kommerz. So verstehen wir den Slogan „Kultur für alle“.
Warum aber den ewigen Kanon Bach, Dürer, Goethe?
Alles ist Geschmackssache, heißt es. Aber woher kommt der Geschmack? Wenn ich die Herleitung, die Tradition abschneide, ist die Entwicklung eines ästhetisches Urteils nicht möglich. Wir brauchen den Kanon, das immer Gleiche, damit sich Stabilität in einer Gesellschaft ausbilden kann. Nur in der Differenz zum Vergangenen ist die jeweils gegenwärtige Epoche begreifbar, können Steuerungsoptionen für die Zukunft entwickelt werden.
Wenn wir nicht nur Beethoven, sondern auch Wolfgang Rihm spielen wollen, ist dafür finanzielle Unterstützung erst recht nötig. Bei einem Einnahmesoll in der angedachten Höhe wäre unser ästhetisches Angebot gefesselt. Köpfe, die ihrer Zeit voraus sind, hätten keine Aufführungschance. Schubert etwa hat seine eigenen Sinfonien nie gehört!


