Donna Leon: Roms Kirche schützt die Mafia
Wolfenbüttel Donna Leon, die Krimi-Autorin mit Barock-Faible, diskutierte mit dem Braunschweiger Landesbischof Friedrich Weber in Wolfenbüttel über Religion.
Wenn Donna Leon von Händels Opern schwärmt, dann mischen sich schnell Ausdrücke mit religiöser Aura in ihre Rede. So nennt sie jene Opernaufführung von „Giulio Cesare“ mit Beverly Sills 1966 in New York einen Moment der Bekehrung.
Das hat sie auch im November im Staatstheater Braunschweig während ihrer Kurzeinführung zum Händel-Zyklus des Festivals „Soli Deo Gloria“ gesagt. Und Landesbischof Friedrich Weber hat es gehört. Als Kenner der bisher 19 Bände mit Fällen des Commissario Brunetti hat er noch andere Äußerungen der Krimi-Autorin zum Thema Religion aufgespießt, die er nun vor ihrem Auftritt mit Händels „Deidamia“ mit ihr besprach.
„Es ging mir mit Händel wie dem Christenverfolger Saulus auf dem Weg nach Damaskus“, bekräftigt Donna Leon die biblische Metapher. Saulus erschien die Klarheit des Herren, und er wandelte sich zum Paulus. „Und seit diesem Opernerlebnis denke und fühle ich eben auch anders. Händels Musik macht so unbändiges Vergnügen.“
Dazu passt ihr Satz: „Wir müssen die Freude wiederentdecken, um unsere Seelen zu retten!“ Weber hat ihn gefunden, Donna Leon ist überrascht. „Das habe ich gesagt? Wow! Vielleicht meine ich Seele nicht im religiösen Sinn. Aber für Geist und Gemüt ist diese bei Händel ausgedrückte Leichtigkeit jedenfalls befreiend und beglückend.“
Durch Kunst zur Läuterung und zum besseren Handeln, ist es so gemeint? „Nein, Kunst macht keine besseren Menschen“, sagt Donna Leon sachlich, „aber glücklichere.“
Trotzdem kommt man in Krimis ja wohl nicht ohne Moral aus. „Brunetti kämpft dafür, dass es weniger Böses in der Welt gibt. Es gibt auch Figuren, die an die Güte des Menschen glauben“, sagt Donna Leon. „Was ist die Quelle dieser Güte?“, fragt der Bischof. Leon: „Ich glaube, das ist Evolution. Gütig sein ist erfolgversprechender als böse sein. Sogar Tiere halten sich daran.“
Nein, so leicht ist die Amerikanerin zu religiösen Bekenntnissen nicht zu verleiten. Ihre Mutter war katholisch, die Familie evangelisch. Sie kennt die Bibel gut, erkennt die Heiligen auf Gemälden. „Ich bin kulturell Christin“, sagt sie. Doch der Institution Kirche steht sie höchst kritisch gegenüber, besonders der katholischen. „Wenn Sie erstmal so lange in Italien gelebt haben wie ich, können sie diese Scheinheiligkeit nicht mehr ertragen.“ Der Kirche gehe es nur um Macht. Statt die Mafiosi zu exkommunizieren, lasse man Geschiedene nicht mehr zum Abendmahl. Zahlreiche Beispiele hat Leon für die Verquickung von Mafia und Kirche. Keiner spreche darüber. „Und die mafiakritischen Pfarrer werden umgebracht.“
Die zarte 69-Jährige ist in Fahrt gekommen. Milder sieht sie die tröstende Wirkung von Religion, die Weber auch in Sätzen des Commissarios gefunden hat. „Eine Beobachtung oder eigene Überzeugung?“ Leon: „Eine Beobachtung.“ Und sie erzählt von ihrer Mutter, die treue Kirchgängerin war. Kurz vor ihrem Tod habe sie sie gefragt, ob sie an all das glaube, was sie da praktiziere. Die Antwort habe sie später im Roman der sterbenden Mutter von Brunettis Frau Paola in den Mund gelegt: „Es wäre so schön!“

