Die Sizilianer Asiens
Braunschweig Zwei junge Frauen aus Fernost bereiten in München eine Opern-Uraufführung im Auftrag des Staatstheaters Braunschweig vor
Yona Kim hat sich in Braunschweig mit ihrer „Tristan“-Inszenierung bereits gut eingeführt. Eine klare Erzählung mit guter Verortung auf der leeren Weltbühne unter einem Scheinwerfer, der das Spiel des Lebens aufzieht und zuletzt wieder beschließt. In unserem Gespräch gerät sie schnell wieder ins Schwärmen von Wagners Gesamtkunstwerk, dem Sog der Musik. Und sie bekennt sich zur dramatischen Durchgestaltung, auch wenn sie selbst das Textbuch schreibt.
Denn die Uraufführung, die das Staatstheater Braunschweig zurzeit vorbereitet und am Sonnabend bei der Biennale für neues Musiktheater in München herausbringt, stammt aus ihrer Feder. Die Musik hat Eun young Kim geschrieben. Die beiden Koreanerinnen wollen eine Geschichte erzählen mit Spannungsbogen und Identifikationsfiguren. Das liegt durchaus nicht im Trend der experimentellen Tendenzen der vergangenen Jahre, in denen Video- und Internet-Opern mit eher lockerem Handlungsgerüst herauskamen oder auch in Braunschweig die eher als Klanginstallation zu wertende Mondfahrer-Oper von Klaus Lang.
Yona Kims Stoff hat koreanischen Ursprung. Es geht um die immer noch ganz auf männliche Nachfahren ausgerichtete Familientradition. „Jede Mutter will unbedingt einen Sohn gebären. Abtreibungen weiblicher Föten sind an der Tagesordnung, aber natürlich nur im Verborgenen“, erzählt die Librettistin, die auch Regisseurin des Abends ist.
Was aber nun, wenn der ersehnte Sohn nicht die Lichtgestalt wird, die man sich erhofft hat? „Wir haben die Handlung etwas ins Extreme getrieben, er wird zum Vergewaltiger und Mörder, aber die leidende Mutter, die ,Mama Dolorosa’ des Stücktitels, will ihn nicht ausliefern, er bleibt für sie der Sohn.“
Das Thema wäre in westlichen Gesellschaften, etwa Südeuropas, ebenso denkbar, das sieht auch Yona Kim, seit sie hier lebt. Die Koreaner gelten in Asien für ähnlich explosiv wie die Sizilianer in Europa.
Für die Komponistin Eunyoung Kim, die in Hamburg studiert hat und nun wieder in Seoul lebt, liegt der Reiz der Komposition darin, musikalisch auch andere Facetten des straffälligen Sohnes zu zeigen, die im Text nicht angesprochen werden. Die Rolle ist mit dem Schauspieler Philipp Grimm besetzt. Alles, was über Worte hinausgeht, macht die Musik, ein Kammerorchester aus 21 Instrumenten mit viel Schlagwerk. Braunschweigs ehemaliger Koloratur-Star Rebecca Nelsen singt die Mutter. Es sei etwas Psychotisches in der Musik, wie bei „Tristan“ oder in Stücken Sarah Kanes.
Eunyoung Kim komponiert nicht am Klavier, sondern fixiert Ideen schriftlich und versucht sie nachher durch Verwischung zu entkonkretisieren. „Man kann sie nicht mehr heraushören. Auch nicht einige Wendungen aus der koreanischen Musik, die durchaus drin sind“, sagt sie. Dagegen gebe es Klangmotive für bestimmte Stimmungen, aber keine wiedererkennbaren Leitmotive. Zuerst wird nun das Festspielpublikum in München die Oper erleben. Am 13. Juni hat sie im Braunschweiger Kleinen Haus Premiere.
