Die klassische Basis
2012-02-22T19:55:25+0100Wolfenbüttel Wie sich das Wolfenbütteler Kammerorchester auf sein Festkonzert zum 50-jährigen Bestehen vorbereitet – eine Reportage.
Laienorchester bereiten große Freude, heißt es – denen, die mitspielen.
Das Publikum, meinen Klassik-Snobs, lausche mehrheitlich aus familiärer oder freundschaftlicher Verpflichtung, wenn Feierabendmusiker komplexe Werke der klassischen Hochkultur angehen, die selbst Profis vor Herausforderungen stellen.
Und tatsächlich: Kurz vor dem großen Jubiläumskonzert des Wolfenbütteler Kammerorchesters am Sonntag wackelt sie noch, die Streichersinfonie „Die Kunst des Handwerks“ von Girolamo Deraco.
Dabei hat der junge italienische Komponist sie doch eigens zum 50-jährigen Bestehen des Kammerorchesters geschrieben: eine augenzwinkernde Verbeugung vor Bach, dessen Initialien er in den ersten Tönen abbildet, rhythmisch aufs dritte Brandenburgische Konzert anspielend und auch sonst den Stil des Meisters zitierend, mit sanften Modernismen.
Die drittletzte Probe ist angebrochen, doch Dirigent Heribert Haase lässt sich von den Unsicherheiten nicht aus der Ruhe bringen. Statt den ersten Satz gleich zu wiederholen, nimmt er sich Abschnitte vor. „Die zweiten Geigen bitte, Takt 31. Den Sprung auf die tiefen Noten nicht zu hart.“
Das gute halbe Dutzend zweite Geigen macht sich tapfer ans Werk. Haase lässt sie gleich noch mal spielen, und man denkt: na ja. Doch er lässt es gut sein und nimmt sich nun die Bratschen vor.
Der 59-Jährige, studierter Klarinettist, ist eine Musiklehrer-Institution am Wolfenbütteler Gymnasium Große Schule – und zum zweiten Mal kurzfristig als Dirigent eingesprungen. Rainer Hertrampf, Musiklehrer an der Gaußschule Braunschweig und seit 1996 am Pult des Kammerorchesters, ist erkrankt.
Es spricht für das Orchester und die Bildungsbürger-Bastion Wolfenbüttel, dass alsbald kompetenter Ersatz am Stab ist. Der sich mit 40 Musikern zwischen 16 und 82 Jahren auch noch die Telemann-Variationen des Wolfenbütteler Komponisten Manfred Spiller, Haydns D-Dur-Cello-Konzert und die Erste von Beethoven vorgenommen hat. Dazu braucht man Bläser – das Braunschweiger Staatsorchester hilft aus. „Zum 50. wollten wir uns Beethoven mal gönnen“, tönt es munter aus den zweiten Geigen.
Doch die Zeit verrinnt in der drittletzten Probe, und Haase feilt noch immer am Deraco. Mittlerweile ist er im zweiten Satz angelangt: „Ab Takt 115. Bitte kein Ritardando“.
Sabine Krams spielt sich derweil im Nebenraum für Haydn warm. Die Solo-Cellistin des Frankfurter Opernorchesters hat schon oft mit den Wolfenbüttelern konzertiert. Sie hat auch den Kontakt zu Deraco vermittelt, der auch für sie schon ein Konzert geschrieben hat.
Seine „Kunst des Handwerks“ für neunstimmig geteiltes Orchester ist eine Herausforderung mehr für den Wolfenbütteler Instrumentalkreis, wie er sich damals taufte, 1962.
Die Dirigenten wechselten, bis 1974 die Ära Lilo Brettschneider begann. Die studierte Geigenlehrerin leitete das Orchester 22 Jahre, formte es mit ihrer energischen Art zu einem der besten Laienensembles der Region, sorgte mit Freizeiten und Konzertreisen aber auch für familiären Zusammenhalt. Viele Mitglieder sind dem Orchester seit Jahrzehnten verbunden, Günther Swiderski, mit 82 Jahren der Älteste, ist gar seit 1966 dabei. Doch Brettschneider führte dem Ensemble auch immer wieder Nachwuchsmusiker zu.
Einige machten die Musik zum Beruf und konzertierten später als Solisten mit dem Orchester. Doch auch Stars traten mit den Wolfenbüttelern auf: Anfang der 80er Jahre etwa der Violinist Michael Goldstein, 1988 Bariton Thomas Quasthoff, 1991 der Pianist Pavel Štepán.
1996 gab Brettschneider den Taktstock an Rainer Hertrampf weiter, der sich beim Vordirigieren gegen zwei Mitbewerber durchsetzte – und nun gerade das Jubiläumskonzert nicht leiten kann. Aber dafür steht ja Heribert Haase am Pult. „Den ganzen Deraco noch einmal“, ruft er.
Und höre da: Auf einmal klingt er viel runder, hat Kontur und Bach schen Schwung. Noch nicht perfekt, aber schon ganz prima. Bei Haydns D-Dur-Konzert begleitet die bunte Hobbymusiker-Mischung aus Lehrern, Studenten, Ärzten, Bibliothekaren und Rentnern Solistin Sabine Krams schon geradezu souverän.
Es wird bestimmt ein schönes, ein würdiges Jubiläumskonzert.




