Die Bekenntnisse des Christian Kracht
Braunschweig Der viel diskutierte, öffentlichkeitsscheue Autor nahm in Braunschweig den Raabe-Preis entgegen. Er bezichtigte sich dabei der „Hochstapelei“.
Christian Kracht tritt selten öffentlich auf. Um so spannender wurde es, als der Raabe-Preisträger 2012 gestern Vormittag auf die Bühne des Kleinen Hauses des Staatstheaters stieg, um sich für die Auszeichnung zu bedanken, die sich in den vergangenen Jahren zu einem der bedeutendsten (und mit 30 000 Euro auch attraktiv dotierten) deutschen Literaturpreise gemausert hat.
Der gebürtige Schweizer Großbürger Kracht, 45, ist der Sohn eines früheren Top-Managers des Springer-Verlags. Vor dem Hintergrund der teils dekadent-großspurigen Helden und der düster schillernden, pessimistischen Aura seiner Romane hätte man einen selbstbewussten, elitär auftretenden Preisträger erwarten können.
Kracht präsentierte sich ganz anders: Im bieder-rustikalen Fischgrät-Anzug, mit Brille und Vollbart trat er wie ein schüchterner, aus der Zeit gefallener Intellektueller vom Lande auf. Für die Auszeichnung bedankte er sich mit demonstrativer, fast demütiger Bescheidenheit und sehr persönlichen Worten.
Der Raabe-Preisträger bezichtigte sich gar der „Hochstapelei“. Ihn quäle zuweilen die Sorge, dass auffliegen werde, dass er als Literat gar nichts Neues wirke, sondern das von großen Vorgängern wie Salinger, Conrad oder Jünger Geschaffene nur aufnehme, variiere, allenfalls „mit einer neuen Glasur“ versehe.
Allerdings, so Kracht, stehe er damit vielleicht nicht so allein. Schon Aristoteles habe Literatur als Kunst der schöpferischen Nachahmung aufgefasst. Ein Gedanke, den Kracht mit tiefschürfenden Exkursen über kollektives Wissen, indische Philosophie und Systemtheoretiker wie Erwin Laszlo vertiefte. Eines aber sei ihm wichtig, sagte der Autor: „Literatur soll unterhaltend sein, und unterhaltend versuchen, zum Kern der Dinge kommen.“
Kracht erzählte auch von seinem übermächtigen Vater, dem früheren Springer-Manager Christian Kracht senior, der schöne Momente nicht habe aushalten können, der immer vorzeitig gegangen sei, bei Abendessen im Familienkreis wie im Theater – wohl auch aus Angst, „als Hochstapler entlarvt zu werden“.
Aus diesem vertrauten Gefühl heraus bewege es ihn um so mehr, sagte Kracht, durch den Raabe-Preis in eine Reihe mit Vorgängern wie Rainald Goetz, Hermann Hesse und Max Frisch gestellt zu werden. Braunschweigs Oberbürgermeister Gert Hoffmann bemerkte bei der Preisübergabe denn auch gerührt, dass er „einen so bescheidenen Preisträger noch nie erlebt habe“.
Die Laudatio auf Kracht hielt der junge österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz, der mit seinem Roman „Indigo“ ebenfalls für den Raabe-Preis nominiert war. Der 30-Jährige rühmte das so „schwerelose wie tiefgreifende“ Schreiben Krachts und bezeichnete das Anschlagen ganz eigentümlicher Poesieempfindungen als das „dunkle, prächtige Herz“ seiner Erzählkunst.
Kaum einem Autor gelinge es so gut, dass Unbehagen an einer absurden Welt, aber auch die seltsame Faszination totalitärer Systeme literarisch einzufangen. Man dürfe nur nicht den Fehler begehen, Kracht, den virtuosen Schilderer der Mechanismen des Entsetzlichen, als dessen Propagandisten zu missverstehen.
Setz tappte bei seiner intelligenten Laudatio allerdings selbst ein wenig in die Ambivalenzfalle, als er eine Passage im Roman „Imperium“ besonders hervorhob. Da ist von den Exkrementen der sonnenanbetenden kaiserzeitlichen Aussteiger die Rede, die von den kolonialen Stränden ins Meer zurückgespült werden. Aus „planetarer Sicht“, so Setz, könne man Menschen ja auch als Exkremente ansehen – eine merkwürdige Anmerkung. Und ein Beispiel für die Fallstricke der virtuosen Misanthropie, von der Krachts Schaffen durchtränkt ist.
Etwas leichtfüßigere Betrachtungen von Deutschlandradio-Programmdirektor Andreas-Peter Weber und Kammermusikperlen für Cello und Piano von Davit Melkonyan und Mikayel Balyan rundeten die Verleihung ab. Ein Gespräch mit unserer Zeitung lehnte Kracht ab. Er rede generell nicht mit der Presse.



