Der Visionär des Kraftpakets Harz
BRAUNSCHWEIG Landeskonservator Professor Reinhard Roseneck starb im Alter von 62 Jahren – Der Ideengeber des Welterbes
Der Mann war ein echter Visionär. Wer ihn erlebt hat, konnte sich kaum dem Sog der Begeisterung entziehen, der von ihm ausging. Engagiert, eloquent, manchmal geradezu beschwörend warb er vor dem Hintergrund eines profunden historischen Wissens für seine Ideen.
Wollte man die Vision des im Alter von 62 Jahren verstorbenen Landeskonservators Professor Dr. Reinhard Roseneck auf den Punkt bringen, hieße der: Den Harz neu denken.
Der Harz galt und gilt ja bisher eher als wanderbares Mittelgebirge mit etwas verstaubtem Charme, biederer Gastronomie und bestenfalls stagnierendem Tourismus. Roseneck aber sah ihn darüber hinaus als historisches Phänomen: Als riesiges ehemaliges Industriegelände, als eine Art Ruhrgebiet des Mittelalters, als innovative High-Tech-Zone vorindustrieller Epochen. Da waren über Jahrhunderte ungeheure Kräfte am Werk, die im Wortsinne Berge versetzten und durchlöcherten, Wälder anlegten und riesige Wasserlandschaften schufen. Roseneck betonte die Einheit von Natur und Kultur: „Man erlebt ein einmaliges Kulturerbe und kann sich dabei zugleich wunderbar erholen!“
Dabei gelang es ihm stets, Momente von Modernität freizulegen. Als Gestalter des Weltkulturerbes Rammelsberg inszenierte er das Goslarer Bergwerk als Quelle eines Reichtums, der im Mittelalter Ursprung von Kultur war und Politik machte. Als er im Kloster Walkenried ein Zisterzienser-Museum einrichtete, zeichnete er den Mönchsorden als Mega-Konzern mit cleveren Strategien der Innovation, Investition und Corporate Identity.
Der logische Schritt von dort führte zum größten Erfolg des Visionärs: Denn die Mönche von Walkenried legten 1225 die ersten Teiche und Kanäle an, um mit Wasser Hüttenöfen zu betreiben. Daraus erwuchs über Jahrhunderte das Oberharzer Wasserwirtschafts-System.
2010 gelang es Roseneck in ebenso enthusiastischer wie akribischer Überzeugungsarbeit, diese auf den ersten Blick unscheinbare, aber geradezu umwälzende Ingenieursleistung in die Welterbe-Liste der Unesco zu bringen.
Auch hier ist die Idee wieder eine moderne: Wie der Mensch in seinem Fortschrittsdrang ganze Landschaften umbaut und den Lauf der Elemente zu seinem Nutzen lenkt.
Die Begeisterung im Oberharz brachte Osterodes Landrat Bernhard Reuter damals auf den Punkt: „Bestätigt zu bekommen, dass man auf Augenhöhe mit den Pyramiden von Gizeh steht, das ist Balsam für die geschundene Seele der Harzer.“
Zu der Vision Rosenecks gehörte folgerichtig auch, dass das „Kraftpaket Harz“ sich als Einheit begreift und seine historischen Alleinstellungsmerkmale gemeinsam vermarktet. Da fühlte er sich mitunter von der „Kleinstaaterei“ verschiedener Gebietskörperschaften gebremst. Dass ihn die Stadt Goslar 2003 als Leiter des Rammelsbergs wegen angeblicher Misswirtschaft entließ, hat ihn geschmerzt. Doch vor Gericht wurde er entlastet.
Unsere Region hat Reinhard Roseneck viel zu verdanken.

