Der Pop-Islam – fromm, aber deutsch!
Braunschweig Zum 100. Geburtstag Georg Eckerts – Das gleichnamige Schulbuch-Institut in Braunschweig und die Multikulti-Gesellschaft
„Institut für internationale Schulbuchforschung“ – das klingt extrem unsexy. Anruf also bei der Pressedame des Hauses: Dass Schulbuchforschung gut und wichtig und friedensfördernd ist, weil Urteile und Vorurteile junger Leute über andere Völker, andere Sitten und historische Konflikte zuvörderst aus den Schulbüchern kommen und dann womöglich ein Leben lang mitgeschleppt werden, das ist schon klar.
Aber was macht das Georg-Eckert-Institut in Braunschweig konkret, jeden Tag, wie ändert es die Welt oder doch zumindest Schulbücher? Wir wollen Beispiele, liebe Frau Regina Peper, wir wollen den Vorher-Nachher-Effekt!
Tja, sagt die ebenso charmante wie hilfsbereite Pressedame, das sei nicht so einfach mit dem Vorher-Nachher-Effekt, weil es da ja nur beratende Funktion gebe und verschiedene Gremien.... Aber sie könne uns einen Gesprächspartner vermitteln, der sehr gut erklären könne, was hier konkret gemacht wird.
Treffen also mit Dr. Götz Nordbruch. Er ist 38, Islamwissenschaftler, und arbeitet mit an dem aktuellen Projekt „Zwischentöne – Unterrichtsmaterialien für das globalisierte Klassenzimmer“.
Der steigt sofort ins Gespräch ein mit einem konkreten Beispiel: „Nehmen Sie die deutsche Wiedervereinigung. Da fällt einem immer gleich der Willy-Brandt-Spruch ein: Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört. Und dann fragen Sie mal nach in einem Klassenzimmer in Duisburg oder Berlin-Neukölln mit 40 bis 80 Prozent Migranten-Anteil. Die Schüler interessiert das gar nicht, weil es mit ihrer Alltagswelt nichts zu tun hat.“
Das, gibt der Wissenschaftler zu bedenken, seien ja längst nicht mehr alle Ausländer: „45 Prozent aller in Deutschland lebenden Muslime sind Deutsche! Die mehr oder minder homogene deutsche Gesellschaft, wie es sie in den 70er/80er-Jahren noch gab, gibt es nicht mehr. Das kann man bedauern, aber nicht ändern. Die Erkenntnis muss bei den Muslimen zu Veränderungen führen, aber auch bei der Mehrheitsgesellschaft.“
In dem Unterrichts-Modul, das Nordbruch und seine Kollegen dazu gefertigt haben, gibt es den Bericht eines deutschen Journalisten mit türkischem Hintergrund, der die Wende von 1989 als Abiturient erlebt hat: „Der hatte nach den Anschlägen von Mölln und Solingen zum ersten Mal das Gefühl: Die wollen uns gar nicht.“
Aber das sind doch westdeutsche Städte? – „Ja, aber ihm wurde plötzlich klar: Dieser Fremdenhass ist kein ostdeutsches Phänomen!“
Es gibt jedoch in dem Modul auch die Begründung, warum Muslime den Tag der offenen Moschee ausgerechnet auf den 3. Oktober gelegt haben: Nordbruch: „Das soll signalisieren: Dieser Feiertag betrifft uns auch. Wir gehören dazu.“
Dabei geht es ihm nicht nur um die Muslime: Zur Maueröffnung bietet sein Team zum Beispiel auch Stimmen von Juden an, die den 20. Jahrestag der Maueröffnung aus ihrer Sicht beschrieben. Man könne auch Vietnamesen oder Polen, die in Deutschland leben, fragen, wie sie die Maueröffnung erlebt haben. „Wichtig ist uns, die rein nationalen Erzählungen aufzubrechen, die Vielfalt der Perspektiven in den Blick zu bekommen, die Deutschland heute ausmachen.“
Anderes Beispiel: Die Frage der Religion: „ Wir wollen nicht den Islam verfestigen, sondern der Religion Raum geben. Berlin ist eine nicht religiöse Stadt. Die Lehrer haben in der Regel mit Religion nichts am Hut. Schüler haben aber oft das Bedürfnis, über Gott zu reden. Dafür muss Raum sein in den Klassen.“
Weitere Module befassen sich mit der Diskriminierung am Beispiel des Kopftuchs: „Wir wollen klar machen, dass auch andere – Frauen, Behinderte – diskriminiert werden, und vor allem: dass man etwas dagegen tun kann.“ Sinn der Sache: Muslime raus aus der Opfer-Ecke!
Weiteres Beispiel für die Multi-Perspektivität dieses Projekts: Die Sicht auf den 11. September, den Krieg gegen den Terror. Oder: Der Moscheebau als ganz normaler kommunaler Konflikt wie etwa der Bau einer Mülldeponie oder eines Möbelhauses. Oder: Der Pop-Islam besonders frommer, aber sich als deutsch begreifender junger Leute als Beispiel für eine deutsche Jugendkultur. Auch: Der Nahost-Konflikt. Und Karrieren von Menschen mit Migrationshintergrund: Mesut Özil, Fatih Akin oder der erste Muslim im Ethikrat.
Nordbruch erzählt von der Schauspielerin Sibel Kekilli: Die spielt im „Tatort“ mit. „Und sie hat es als Durchbruch empfunden, dass sie dort als Sarah Brandt auftritt und nicht als Ayse.“
Die je fünf Module zu den drei Fächern Religion/Ethik, Politik und Geschichte sollen in möglichst praktikablen Einheiten im kommenden Jahr per Internet für Lehrer im Unterricht nutzbar sein. „Für die ist das natürlich Mehrarbeit. Deshalb wollen wir es ihnen so leicht wie möglich machen.“
Andererseits betont Nordbruch: „Viele Lehrer haben großen Bedarf an solchem Unterrichtsmaterial angemeldet. Sie sagen uns: ,Wir brauchen Zugänge zu diesen Schülern!’“



