Der einsame Rebell von Sezuan
Braunschweig Der chinesische Schriftsteller und Dissident Liao Yiwu stellte in Braunschweig sein Buch über seine Haftzeit vor.
Liao Yiwu ist das literarische Gegenstück zur imposanten Skyline von Shanghai. Er ist die Stimme der Chinesen ganz unten.
Dienstagabend steht der kleine Mann aufrecht in Tracht über T-Shirt in der Aula der Braunschweiger Kunsthochschule und lässt melancholische Töne aus einem Glockenspiel tropfen. Dazu rezitiert er ein Gedicht seines Freundes Li Bifeng:
Es ist der bewegendste Moment dieses Abends in der Reihe „Gegenwarts-Bildung“, mit der HBK-Präsident Hubertus von Amelunxen prägende Menschen und Themen unserer Zeit vorstellen will. Den Horizont des Gedichts hatte Liao zuvor im Gespräch mit Frank Berberich, Chef der Kulturzeitschrift „Lettre international“ aufscheinen lassen.
Die schlimmste Erfahrung seines Lebens, hatte der 53-Jährige gesagt, seien nicht die vier Jahre Gefängnis gewesen, die er zusammen mit Schwerverbrechern hatte erdulden müssen – wegen eines Gedichts, das er zur Niederschlagung des demokratischen Aufstands 1989 in Peking geschrieben hatte.
Die verzweifeltsten Momente habe er vielmehr nach der Entlassung erlebt. Seine Frau hatte ihn verlassen. Freunde und Weggefährten von einst wollten nichts mehr von ihm wissen. „Sie interessierten sich nicht mehr für unsere hehren Ideale von Freiheit und Demokratie. Sie hatten nun materialistische Ziele. Sie hatten mich vergessen.“ Dabei habe er sich im Gefängnis noch wie ein kleiner Held gefühlt. „Anfangs – bis man mir die Würde nahm.“
1989 sei auch in China eine Zeitenwende gewesen, sagt Liao. Die politische Aufbruchsstimmung nach den Reformen zu Beginn des Jahrzehnts hätten die Panzer erfolgreich niedergewalzt. Es blieb nur die wirtschaftliche Freiheit, das offiziell angefachte Streben nach Wohlstand. Der bleibe einer Vielzahl von Chinesen dennoch verwehrt, sagt Liao.
Er weiß, wovon er spricht.
Nach der Haft ging er zurück in seine Heimatprovinz Sezuan und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Die harten Zeiten, meint er, hatten auch etwas Gutes. Er sei geerdet worden. „Vor 1989 war ich ein narzistischer Bohemien, ich hielt mich für einen Dichter, etwas Besonderes.“ Nun hatte er seine literarische Bestimmung gefunden.
Er porträtierte fortan einfache Menschen, den Bodensatz der chinesischen Gesellschaft, wie Liao selbst sagt: Wanderarbeiter, Klowärter, verarmte Rentner, Verfemte. „Ich bin das Aufnahmegerät der kleine Leute. Ein Chronist“, sagt er von sich.
Literarische Frucht war die Interviewsammlung „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“. Sie gibt tiefe Einblicke in ein China der Armut, Ungerechtigkeit, Hoffnungslosigkeit, unterhält aber auch mit schrägen Originalen und einem zähnebleckenden Humor.
In China wurde der Band schnell verboten. Im Ausland machte er Liao bekannt. Seit 2011 lebt er als Exilant in Berlin. Bei S. Fischer erschien sein neues Buch „Für ein Lied und 100 Lieder“ über seine Gefängniserfahrungen. Es ist hart, intensiv, auch poetisch, zuweilen ein wenig weitschweifig und dunkel. Chinas Antwort auf Solschenizyns „Archipel Gulag“.
Der Schauspieler Moritz Dürr las am Dienstagabend einige Passagen daraus. Wie der anfangs noch aufmüpfige Liao mit den Wärtern aneinandergerät. Wie er mit Elektroknüppeln gefoltert wird. Wie er versucht, sich die Stirn zu spalten, und von den Mithäftlingen verspottet wird, weil er sich die Schläfe aufschlagen müsse, wenn er es ernst meine.
„Ich bin im Gefängnis zum Hund geworden. Irgendwann habe ich vergessen, warum ich überhaupt dort war. Das Schreiben hat mir meine Würde zurückgegeben. Es war eine Entgiftung“, sagt Liao über sein Buch.
Die Freiheit im fremden Deutschland zu genießen, fällt ihm schwer. Liao ist bedrückt. Sein Freund, der Dichter Li Bifeng, sei verhaftet worden. Er soll seine, Liaos Ausreise finanziert haben. Liao fühlt sich unschuldig schuldig – schon wieder.
Ein ausführliches „Leser fragen“-Interview mit Liao Yiwu lesen Sie in Kürze.
Einen Kommentar von Florian Arnold zu Liao Yiwus Braunschweig-Besuch lesen Sie hier.
