Da ist noch Feuer unterm Eis
Nach der Dürrenmatt-Premiere: Sandra Fehmer ist eine außergewöhnlich junge alte Dame im Staatstheater Braunschweig – Gespräch mit der Schauspielerin
Für den kritischen Beobachter ziemt es sich eigentlich nicht, ein Schauspieler-Gespräch mit dem schlicht-schwärmerischen Satz: „Ich fand Sie toll!“ anzufangen. Aber was soll’s. War halt so.
Weil nämlich Sandra Fehmer Dürrenmatts alte Dame endlich mal anders spielt als schon tausendmal gesehen. Die Milliardärin, die ihrem elenden Heimatkaff eine Milliarde schenken will, sofern die Bewohner ihren Jugend-Geliebten umbringen, ist bei ihr endlich mal keine eiskalte Rächerin, die ihre Macht über die Menschen zynisch auskostet.
Sondern, ja: eine unglücklich Liebende. Eine, deren Blick flattert und deren Stimme vibriert, als sie den Dörflern ihren perfiden Deal vorschlägt. Eine, die beim letzten Beisammensein mit dem Geliebten der Jugend, der sie einst ins Elend stieß, sich noch einmal von der alten Zärtlichkeit übermannen lässt.
In diesem Augenblick gerät das etwas klapprige Moralstück zum bewegenden Aufflackern und Verglühen zweier Liebender, die sich gegenseitig das Leben zu Asche gemacht haben.
Sandra Fehmer lächelt ein wenig schief, fast verlegen, als ich ihr erkläre, warum sie so toll war, dann sagt sie nur: „Na ja, das ist ja schön, dass das auch gesehen wird, was wir hier versucht haben.“
Sie hat im Staatstheater als Medea geglänzt, als Lehrerin Frau Müller, als alternde Ehefrau in Goethes „Wahlverwandtschaften“. Sie ist eins der prägenden Gesichter des Ensembles. Aber keine Diva. Ihr „Wir“ meint auch die Regisseurin Daniela Löffner. Und all die anderen, die mitspielen.
Sandra Fehmer ist ein Ensemble-Mensch. Deshalb ist sie auch im Jahr 2010 vom Kölner Schauspiel nach Braunschweig gekommen: „Ein Karriereschritt war das vielleicht nicht. Aber ich wollte unbedingt wieder ins Ensemble. In Köln hätte ich als freie Schauspielerin weitermachen müssen.“
Mit freundlicher Nachsicht quittiert sie meinen Verdacht, sie sei mit ihren 42 Jahren eine Notlösung für die alte Dame gewesen, weil es richtig alte Damen im Ensemble einfach nicht gibt.
Natürlich habe sie zuerst einen Schreck bekommen, „weil ich jetzt schon so alt spielen soll.“ Auch sei es zunächst keineswegs eine Traumrolle gewesen: „Ich fand die schon in der Schule beim Lesen ziemlich eindimensional.“
Aber im Gespräch mit Regisseurin Daniela Löffner habe sie sich den Schlüssel zur jungen alten Dame erarbeitet: „Verbreitet ist die Ansicht, sie müsse die späte Rache nehmen, um in Ruhe sterben zu können. Wir haben gesagt: Nein, sie muss es tun, um weiterleben zu können.“
Daraus resultiert auf der Bühne eine ungeheure Innenspannung: Sie hat es lange geplant, sie weiß, dass es sein muss, aber als es dann plötzlich soweit ist, bricht eben genau jene geplante eiskalte Abgebrühtheit weg, sie möchte so cool sein, aber es gelingt ihr nicht. Fehmer: „Sie könnte es ja auch lassen, im letzten Augenblick aufgeben, der Liebe noch eine Chance geben, gemeinsam mit ihm nach Capri fahren. Aber sie weiß: Das wird sie nicht erlösen.“
Der Tod des Mannes aber auch nicht. „Sie lebt weiter“, sagt die Schauspielerin. „Aber wie, mit dieser ungeheuren Schuld?“
Gruselig eigentlich. Wie Medea, die Kindsmörderin. Sandra Fehmer hat ein Faible für Grusel – seit ihrem fünften Lebensjahr. Da sah sie im Theater „Peterchens Mondfahhrt“ und gruselte sich. „Ich schrie das ganze Theater zusammen. Da sagte mein Vater, der eine Theaterkneipe betrieb: Das ist doch Onkel Otto, den kennst du doch! Seitdem wollte ich Schauspielerin werden.“
