Clara Schumann nannte Braunschweig eine „egoistische Stadt“
Braunschweig Ein Gesprächskonzert beleuchtete die Beziehungen der Klavier-Virtuosin in die Region. Claras Tochter war drei Jahre in Wolfenbüttel in Pension.
Reisende Stars hatten es nicht immer leicht in der Region. Bevor Clara Schumann, die allseits bewunderte Klavier-Virtuosin, in Braunschweig ihr erstes Konzert geben konnte, musste sie in den Salons der angesehensten Bürger erstmal kostenlos auftreten und für sich Stimmung machen.
Ihr Vater und Lehrer Friedrich Wieck, der bis zum 18. Lebensjahr auch Claras Tagebuch schrieb, vermerkte am 26. Dezember 1834 denn auch bissig: „bei Professor Marxs 5 Gerichte – die erbärmlichste Unterhaltung von Fressen und Theater – verstimmter Flügel – verlorner Tag! Braunschweig ist eine merkwürdig egoistische Stadt – ist für sein Theater und seine Künstler entsetzlich eingenommen – deßwegen für andere schwer zu erwärmen“.
Die Begeisterung vor allem für das eigene Ensemble lässt sich bis heute spüren. Auch Clara integrierte dann Sänger des Hoftheaters in ihre Soireen. Dass sie in den Salons erst mit Beethoven die Braunschweiger so richtig begeistern konnte, hat gleichfalls bis heute nachwirkende Ursache. Es gibt eine Wahlverwandtschaft zwischen dem hiesigen Publikum und Beethovens Werken.
Die Programmzettel der beiden Konzerte Claras im „Deutschen Haus“ nennen zwischen Arien und Rezitation Klavierstücke von Clara und Chopin. Die Braunschweiger Kunstgeschichtlerin Julia Nauhaus vom Städtischen Museum hat sie und alle Zeugnisse der Beziehungen Clara und Robert Schumanns in die Region sorgsam ediert. Ein höchst lesenswertes Buch ist daraus entstanden, das einen guten Einblick in das Braunschweiger Musikleben des 18. und 19. Jahrhunderts gibt.
Für das Festival „Tastentaumel“ hat Nauhaus einen klug verzahnten, allerdings überlangen Abend zum Leben der Schumanns daraus bereitet. Gewürzt mit Klavierstücken und Liedern der beiden verliebten und ab 1840 verheirateten Künstler. Claras frühe, Robert gewidmete Romance variée ist freilich ein ziemlich rumpeliges Bravourstück, während ihre Variationen über ein Thema Roberts mit schönen Tonleitergirlanden unter Gerrit Zitterbarts Fingern perlend und weich gelangen.
„Kraft mit Weichheit“ schätzte Clara denn auch an den Flügeln der Braunschweiger Klavierbauer Grotrian-Steinweg. Fortan durfte die Firma mit Claras Lob werben, die bekam dafür deutschlandweit und auch im Urlaub in der Schweiz Konzertflügel von Grotrian-Steinweg gestellt. Ihr letzter Privatflügel steht heute im Städtischen Museum.
1842 besuchte das Ehepaar Schumann Freunde wie den Dichter Griepenkerl und die Streichquartett-Müllers in Braunschweig, ein Konzert gab Robert hier nie. Erst nach seinem Tod 1856 ging Clara wieder auf Tourneen, sie musste sieben Kinder durchbringen. So konzertierte sie 1860 und 1863/64 mit dem Geiger Joseph Joachim in Braunschweig, 1866 und 1876 war sie Solistin der Sinfoniekonzerte der Hofkapelle unter Franz Abt.
Ihre Kinder mussten derweil zu Freunden oder in Pension. So vertraute Clara 1866 ihre jüngste Tochter Eugenie der Reformpädagogin Henriette Breymann aus Watzum an, die ihr Institut in Wolfenbüttel betrieb. Drei Jahre lebte Eugenie bei ihr. Mutter Clara kam aus Zeitnot nicht mal zur Konfirmation.
Lieder, zu denen sich Clara und Robert einst gegenseitig inspiriert hatten und die in den Braunschweiger Konzerten teils erstmals erklungen waren, rundeten den Tastentaumel-Abend. Bariton Henryk Böhm gestaltete mit dramatischem Ton die oft aus tiefster Tiefe in extreme Höhe führenden Balladen. Susanna Pütters bestach mit kraftvoll-konzentriertem Sopran. Viel Applaus.
Julia M. Nauhaus: „Musikalische Welten. Clara und Robert Schumanns Verbindungen zu Braunschweig“. Studio-Verlag, 424 Seiten, 28 Euro.
