900 Seiten Mittelalter – prall, blutig, atemlos
Braunschweig Martin Grzimek wurde für sein Epos „Tristan“ mit dem Friedrich-Gerstäcker-Preis für Jugendliteratur 2012 der Stadt Braunschweig ausgezeichnet.
Diese Worte hätten niemals über Elbeths Lippen kommen sollen! Um ein Haar hätte die Magd verraten, dass Tristan gar nicht der Sohn des Marschalls Rual und seiner Frau Floräte ist, die nach dem tragischen Tod König Riwalins den Hof verwalten. Sondern ein Königskind, Riwalins Sohn selbst.
Nun macht Floräte ihre grausame Drohung wahr – und schneidet Elbeth die Zunge ab. Dann wird die Magd von der Burg verbannt. Am Tor begegnet der vielleicht sechsjährige Tristan seinem Kindermädchen noch einmal und will es nicht ziehen lassen. „Dann öffnete sich Elbeths Mund. Tristan sah in ein dunkles zungenloses Loch, und zusammen mit rötlichem Speichel kam daraus nur ein einziger Laut hervor, kaum zu verstehen, gequetscht, halb verschluckt, wässrig und stöhnend.“
Martin Grzimek ist kein Autor, der mit Samthandschuhen schreibt. Er erspart seinen Lesern die brutalen Seiten des Mittelalters nicht und ist auch nicht prüde bei der Beschreibung fleischlicher Lust. Gestern Abend wurde der 61-Jährige für seinen Roman „Tristan“ mit dem Friedrich-Gerstäcker-Preis für Jugendliteratur der Stadt Braunschweig ausgezeichnet. Grzimeks Verlag Carl Hanser empfiehlt seine packende, opulente Neuerzählung der mittelalterlichen Legende für Leser ab 14 Jahren.
Sind ihnen die teils blutigen Schilderungen von Fehden, Turnieren, Verwundungen, Hinterhalten zumutbar? „Alles ist zumutbar“, sagt der Schriftsteller im Gespräch mit Nachdruck. „Wenn es in eine Geschichte eingebettet ist.“
Problematisch findet Grzimek „Gewalt ohne Herkunft“, wie sie sich etwa in japanischen Manga-Comics finde. „Da steht ein kleiner Kämpfer einem großen gegenüber und schlägt ihm halt den Kopf ab. Und weiter geht’s. Gewalt ohne Erklärung, das ist problematisch.“
Und dann – Gerstäcker-Preis toll, schön und gut – sei es ja so, dass er auch, aber keinesfalls nur für Jugendliche schreibe. Sondern für alle Altersgruppen. Das Prädikat „Jugendautor“ mag Grzimek nicht. Gerade in Deutschland sei man damit literarisch schnell abgestempelt.
Wir äußern aus einem anderen, buchstäblich gewichtigen Grund Zweifel, ob sich Jugendliche auf Grzimeks „Tristan“ stürzen. Denn der „Roman um Treue, Liebe und Verrat“, so der Untertitel, ist gut 900 Seiten dick. Und das, wo doch gerade Jungs – und dieses Epos ist schon eher ein Jungs-Buch – angeblich immer weniger lesen.
Martin Grzimek zuckt die Achseln. Ursprünglich habe er mit seinem Verleger einen 250-Seiten-Roman angepeilt. Aber dann sei die Geschichte mit ihm durchgegangen. Weil er sie realistisch und psychologisch schlüssig neu erzählen wollte.
Die bekannteste mittelalterliche Fassung Gottfried von Straßburgs vom Anfang des 13. Jahrhunderts umfasse rund 22 000 Verse, sagt Grzimek. Nur rund 300 davon behandelten die Kindheit und Jugend Tristans. Diesen Lebensabschnitt habe er viel ausführlicher ausspinnen wollen, um nachvollziehbar zu machen, warum der Waisenjunge zum umfassend gebildeten Ritter aufsteigt, der das Vertrauen des mächtigen Königs Marke gewinnt, für den er die Braut Isolde erobern soll – mit bekannten Folgen.
Und so erfindet Grzimek eine abenteuerliche, von dunklen Verfolgern zusätzlich unter Spannung gesetzte Bildungsreise Tristans mit seinem Lehrer Courvenal durch halb Europa – und das ist zwar die längste, aber bei Weitem nicht einzige neu geschaffene oder reich ausgeschmückte Episode. Von den vielen neuen Neben- oder psychologisch umfassend vertieften Hauptfiguren ganz zu schweigen.
Das Faszinosum: Hat man sich einmal von Grzimeks Erzählstrom mitreißen lassen, fällt es schwer wieder auszusteigen. Die Sprache des Gerstäcker-Preisträgers ist klar, bildkräftig und von unangestrengter Eleganz. Das Riesen-Epos ist in hunderte kleiner Kapitel portioniert, die miteinander geschickt verzahnt sind und die Spannung hochhalten. Vor- und Rückblenden verweben und verdichten das Epos zusätzlich. „900 Seiten! – Mein Verleger hat genauso gestöhnt wie Sie“, sagt Grzimek. „Aber nun musste bereits die zweite Auflage gedruckt werden.“
Der Gerstäcker-Preis für Jugendliteratur ist der älteste deutsche Jugendbuchpreis. Er wurde zum Andenken an den Braunschweiger Weltreisenden und Abenteuer-Romancier Friedrich Gerstäcker 1947 von der Stadt Braunschweig gestiftet. Alle zwei Jahre verliehen, ist er mit 8000 Euro dotiert. Der Jury gehören u.a. der Braunschweiger Germanist Professor Hans-Joachim Behr, Roswitha Barden vom Arbeitskreis Literatur und Thomas Ostwald von der Gerstäcker-Gesellschaft an.
Martin Grzimek wuchs in einer Flüchtlingssiedlung in Trutzhain/Hessen auf. Er studierte Theaterwissenschaft und Germanistik in Berlin und Heidelberg und arbeitete als Lehrer. Seit 1986 ist er freier Schriftsteller. Nach einigen Jahren in Südamerika lebt er mit seiner Familie heute bei Heidelberg. Er hat mehrere Romane und zwei preisgekrönte Krimis veröffentlicht.
