200 alte Filme, vom Winde verweht
Braunschweig Der Braunschweiger Florian Krautkrämer nähert sich in seiner Dokumentation „Der Filmsammler“ einem Wolfsburger Steuerberater an
Wir erfahren nicht, wie der Mann aussah. Wir erfahren, dass er Steuerberater war. Wenn er von der Arbeit heimkam in seinen Bungalow am Rande Wolfsburgs, entledigte er sich seines Anzuges, zog eine Arbeitshose über und begab sich in den Keller. Zu seinen Filmen.
Rollen von rund 1000 Spielfilmen besaß der 2011 gestorbene Wolfgang Schneider, etwa ebenso viele Dokumentar- und Kurzfilme. Im Keller befand sich auch ein holzgetäfelter Vorführraum mit wuchtigen Projektoren und einer Leinwand hinter einem Vorhang.
Die Sonnabende waren Filmabende. Es gab Schnittchen, welche die Familie aber nur ganz leise verzehren durfte, am besten vor der Aufführung. Denn während der Film lief, hatte größte Ruhe zu herrschen. „Familie war ihm nicht so wichtig“, erinnert sich sein Sohn, „aber das Reden über Filme liebte er“.
Jetzt erlebte der Dokumentarfilm „Der Filmsammler“ von Florian Krautkrämer seine Uraufführung im Braunschweiger Universum-Kino. Die Kamera schweift durch den menschenleeren, von der Zeit ramponierten Bungalow, wandert durch die Filmarchive, atmet den Staub, die Spinnweben, die die Hüllen der Spulen umfangen, schaut durch lose herabhängende Filmstreifen.
Dazwischen geschnitten sind Aufnahmen, die Schneider mit seiner Super-Acht-Kamera selbst gedreht hat: äsende Rehe im Garten, Blumen, der Bungalow. Nie aber ist zu sehen, wovon es doch sonst in Amateurfilmen wimmelt: Menschen.
Die Filme, die Schneider gesammelt hat, liegen inzwischen in einer Lagerhalle. Niemand will sie haben. Sie werden wohl vergehen.
Krautkrämer, der Lehrbeauftragter an der HBK Braunschweig ist, gelingt eine leise Reminiszenz an das schwindende analoge Zeitalter, in dem Filme noch nicht im Computer gespeichert, sondern richtige Objekte waren. Formal gelingt ihm eine stimmige Annäherung ans Sujet: Er lässt Details in die Unschärfe rinnen, verschiebt manchmal Ton und Bild, am Ende bleicht der Blick in den Garten aus.
Er erzählt vom Verschwinden, vom Wertlos-Werden dessen, was eines Menschen Lebensinhalt war, vom Ausbleichen der Lebensspuren. Zugleich aber entsteht beim Betrachter auch das Gefühl von etwas Monomanisch-Monströsem: von einem, dem die Zelluloid-Streifen womöglich mehr bedeuteten als die Menschen um ihn herum.
Und Krautkrämers Film selbst? So spröde, so oszillierend zwischen Dokumentation und Kunst, so unpraktisch halbstündig, wie er ist, wird er es nicht leicht haben. Wird auf ein paar Festivals laufen, in einigen Kinos und, weil der NDR-Coproduzent war, auch im Fernsehen. Und dann? Verschwinden?

