Mutters Männer, Vaters früher Tod
2002-12-08T21:36:14+0100Klaus Hoffmanns eindringliches Gastspiel in der Braunschweiger Stadthalle
Dass er im Fahrstuhl stecken geblieben sei, hier in der Stadthalle Braunschweig. Das stimmt ja gar nicht. Wahrscheinlich erzählt Klaus Hoffmann diese Nummer jeden Abend. Und sofort merkt man, das ist gelogen. Aber vielleicht stimmt es doch, nur anders, als Bild. Stecken geblieben zwischen Souterrain und Erdgeschoss, auf halbem Weg aus dem Keller der Kindheit. Wo die Straßen noch einen Duft hatten und jeder Hinterhof ein Geheimnis. "Ich bin ein Spätromantiker", sagt Hoffmann, "aber es ist nie zu spät."
Was trifft man heutzutage Marionetten auf der Bühne. Alles Pose, kein Er-Leben, das die Musik beglaubigt. Glatter Sound und keine Widerstände. Hier aber steht noch einer, dessen Leben selbst die Lieder macht. Wohl mit Masken – wer stellt schon gerne seine Wunden aus? Aber kein Blender, der behauptet, was nicht war und ist. Das spürt man, jede Sekunde, die Hoffmann singt, sich bewegt im Zeitlupentempo, als sei er selbst ein Nachbild des Gewesenen. Ein Clown, so traurig und so froh, doch ohne Schminke.
Wort und Klang sind nicht getrennt. Selten erlaubt Hoffmann seinen Musikern, allesamt begabt, ein Solo, und wenn, dann kurz. Getragen von E-Bass, Gitarre, Schlagzeug und Klavier arbeitet er an den Szenen einer, seiner Kindheit. Singt von Mutters Männern, Vaters frühem Tod. Und gewährt zwischen zwei Liedern keine Phase der Erholung. Die Pausen sind durchkomponiert mit Erzählung. Kurzen, surrealen Szenen, die seine Erinnerung zu Symbolen verdichten. Dazu diese seltsamen, abgründigen Sätze. "Man kommt ja zu nichts, außer zu sich selbst." Keine Wortspiele, sondern Schlüssel, die Türen öffnen zu einer fernen, uneinholbaren Welt. "Dieser Sketch hat keine Pointe. Ich wollte eine Leere erzeugen." Mehr nicht.
Stark und herzerweichend sind vor allem Hoffmanns Balladen. Wenn er lyrisch wird, da scheint er ganz er selbst. Seinem Bariton gibt er, fürs Timbre, eine kleine Anstrengung, presst manchmal die Worte ins Mikrofon, als sei anders der Gedanke nicht herauszubekommen. Und in der Höhe hat seine Stimme diesen charakteristischen Hauch, der keine Attitüde, sondern Aura ist. Eine Unschärfe, wie auf Bildern, die verwackelt sind. So ist das Ferne. Schau, da! Ach, schon wieder weg.
Wie ein ungelenker Rettungsversuch vor dem allzu großen Ballast wirkt es, wenn Hoffmann jazzig, swingend wird. Das können andere einfach besser. Auch kommt er, so schön und echt die Melodie ist, manchmal dem Schnulzenton bedenklich nah. "Heute bin ich traurig, morgen bin ich froh." Aber selbst hier fehlt nicht die Substanz. Und wenn zu "Ich will leben" in rot und grün im Publikum zwei Leuchtstäbe angehen, ist das natürlich ein Missverständnis. Von bewusstloser Seligkeit kann ja gar keine Rede sein. Die Widerstände sind es, die ihn glaubhaft machen.
"Zusammen sind wir nicht allein." Das klänge aus dem Munde eines Schlagersängers peinlich. Hoffmann aber glaubt man’s. Und wenn der Schlagzeuger mit dem Besen kleine Hüpfer pinselt, sieht man die Kinder, wie sie springen auf dem Bürgersteig, kurz nur, dann weitergehen, in stummer Freude. Stiller ist er geworden, das schon. Hat sich zurückgezogen auf das Einfache: die Liebe und das Leben. Politik bleibt dabei die Ausnahme, und wenn, dann aufgehoben, wie alles, im Poetischen. Hoffmann besingt das Glück der Kindheit und des Kindlichen, beschwört es und behält es – auf Distanz. "Geh jetzt, bleib nicht Kind." Kein Clown, ein Mensch ist er. Drei Stunden – und ein bisschen Anleitung zum Authentischsein.

