Gefühligkeit in jedem Song
Braunschweig Drei Konzerte der Braunschweiger Cover-Band „Silent Radio“ im Spiegelzelt an der Martinikirche – Umjubelte Premiere am Montagabend
Erklärte Weihnachtsmuffel. „Silent Radio“-Sänger Louie macht keinen Hehl daraus, dass der Band das Fest der Feste nicht allzu sehr zu Herzen geht. Allesamt Jingle-Bells-nicht-Singer und Keinesfalls-Lebkuchen-Esser. Aber Vertrag sei Vertrag, und so habe die Band auch pflichtbewusst 30 Prozent Weihnachten im Programm. Ein Scherz, der sich im Laufe der folgenden drei Stunden zu einem launigen Running Gag ausweitet. „Wir wollen mit Euch lernen, Weihnachten zu lieben“, meint Louie ein bisschen zynisch.
Auch wenn das Programm im Wintertheater-Spiegelzelt an der Martinikirche „A silent Night“ betitelt ist, covern die Braunschweiger alles mögliche – nur Weihnachtslieder spielen sie keine. Die Band, die sich immer noch am wohlsten fühlt im englischsprachigen Liedgut der 80er, bei Duran Duran, Eurythmics und U2, hat viel Vertrautes aus ihren eigenen Alben im Gepäck, den unverwechselbaren „Silent Radio“-Sound, der neben Louies Schmuse-Bariton maßgeblich von Rainer Tackes entrückt sphärischer E-Geige bestimmt wird. Ein bisschen süßlich, durchaus pathetisch. So will es die Fangemeinde, so liebt sie es, so fordert sie es ein.
Gleich drei Abende im Spiegelzelt. Dreimal 400 Zuhörer. Alle Konzerte seit langem ausverkauft. „Silent Radio“ hat treue Anhänger, und denen wollen Louie und seine Mitstreiter nach Konzerten im Kleinen Haus des Staatstheaters und in der Stadthalle mal wieder einen intimen, kuscheligen Rahmen bieten.
Es braucht nicht lange – und zwischen Band und Publikum herrscht eitel Einigkeit. Schon beim dritten Song, „Yellow“ von Coldplay, beben die Holzdielen. Louie flirtet unentwegt mit den Fans in der erste Reihe und genießt das offenkundige Wohlwollen. Die Band schafft es in dieser großen Besetzung hervorragend, der Monotonie ein Schnippchen zu schlagen und mehr zu bieten als geschmeidige Arrangements. Am Schlagzeug: Lars Plogschties. An der Gitarre: Claus Hartisch. Jens Müller am Bass.
Die Band dreht schöne dramaturgische Schleifen. Tempo raus, Tempo rein. Und in jedem Song steckt die typische „Silent Radio“-Gefühligkeit. Und immer mal wieder holt die Band Sängerin Sam Leigh Brown aus Berlin auf die Bühne, die schon mit der Jazzkantine musizierte und eine gewisse Bekanntheit erlangte als Teilnehmerin der Gesangs-Casting-Show „The Voice of Germany“. Eine wunderbare Stimme. Kraftvoll und weich und mit einem gewissen Country-Liebreiz. Funktioniert hervorragend im Duett mit Louie. Das Publikum jubelt, als die beiden den Hit „Hip Teens“ ausklingen lassen.
Die Rundbühne mitten im Zelt ist ein Problem für Konzerte. Weil die Zuschauer oft nicht mehr als den Rücken der Künstler sehen. Louie thematisiert die Sache und ändert auch immer mal wieder die Position. So geht’s einigermaßen.
Nach drei Stunden Hitfeuerwerk mit „Sweet Dreams“ und „Umbrella“, „Send me an Angel“ und „The Power of Love“ ist Schluss. Das Publikum hält es schon lange vor den Zugaben nicht mehr auf den Sitzen. Am Applaus gemessen ist die Band offenkundig das Eintrittsgeld wert.
Eine kleine musikalische Überraschung bot das Konzert ganz am Anfang. „Silent Radio“ hatten Bassmann Jens Müller das Feld zur Einstimmung überlassen – und der überzeugte mit selbstgemachten Songs in bester Liedermacher-Manier. Tolle Stimme, gute Texte, spannende Melodien. Ihm zur Seite: Gitarrist Sascha Dettbarn von „Deerwood“. Demnächst will das Duo ein Album herausbringen unter dem Bandnamen „Restorchester“. Klingt vielversprechend.
PS: Liebe Veranstalter, spielt doch bitte bei der Pause und nach den Zugaben nicht sofort Musik aus der Konserve ein! Es darf durchaus auch mal Zeiten relativer Stille geben. Alles andere entwertet die Live-Künstler – auch wenn’s inzwischen Mode geworden ist.



