Die Trompete als Sportgerät
Braunschweig Schön, blond, stark: Star-Trompeterin Alison Balsom spielte mit dem Concerto Köln Barock-Musik in der Stadthalle Braunschweig
BRAUNSCHWEIG. Ein schlanker Körper in kreischrotem, wie aufgeplatzt aussehendem Kleid, hochtoupiertes blondes Haar – so kommt die 34-jährige Alison Balsom am Mittwochabend auf die Bühne der Stadthalle. Nicht etwa mit einem Sektglas in der Hand, sondern mit einer Barocktrompete. Mit dem Begrüßungsklatschen des Publikums macht sich sogleich ein Gemurmel breit: „oooh“ und „mmhm“ sind deutlich zu vernehmen – wohl kaum wegen ihres Instruments.
Die Engländerin Alison Balsom ist zurzeit die Star-Trompeterin. Kürzlich hat sie ihren zweiten Echo-Klassik-Preis bekommen, diesmal als „Künstlerin des Jahres“. In Braunschweig gab sie nun ihr letztes Konzert der „Kings & Queens“-Tour mit dem kleinen und feinen Kammerorchester Concerto Köln. Gespielt haben sie ausschließlich Barock-Musik, in historischer Aufführungspraxis.
Fürs Orchester heißt das beispielsweise: So gut wie ohne Vibrato zu spielen oder Barockbögen zu verwenden. Diese machen den Klang etwas leiser, wattiger. Alison Balsom greift also zur Barocktrompete. Das heißt: Es gibt keine Ventile, jeder Ton muss mit den Lippen und dem Blasdruck geformt werden – ein Kraftakt. Je höher die Töne, desto schwerer und anstrengender. Und weil die Barocktrompete fast doppelt so lang ist wie die moderne, ist die Spielhaltung alles andere als komfortabel. All das schreckt Alison Balsom nicht. Der weiche, gedämpfte Klang des Instruments ist es, der sie interessiert.
Um ihre Taille hat sie einen schwarzen Gürtel geschlungen. Eins ist klar: Gäbe es nicht nur im japanischen Kampfsport schwarze Gürtel, sondern auch im Barocktrompete-Spielen, Alison Balsom trüge ihn sicherlich. Ohne jeden Wackler im Ton entwickelt sie ihre Phrasen vom Pianissimo bis zum Forte und wieder zurück. Sanft und butterweich sind ihre Einsätze auch in den höchsten Höhen, wie Balsom es im umgeschriebenen Oboenkonzert Nr. 1 von Händel zeigt. Ihr flexibler Klang mischt sich sehr gut mit dem des Orchesters, hört sich gerade in den leisen Passagen mal an wie eine Oboe, mal wie eine Geige. Die Engländerin, sie beherrscht ihr Instrument.
Allein – sie anzuschauen und einfach die Musik zu genießen, funktioniert nicht immer. Etwas steif steht die Musikerin auf der Bühne. Bei Einsätzen in den hohen Lagen, in Händels Ouvertüre zur Oper „Atalanta“ zum Beispiel, spannt man als Zuhörer die eigene Muskulatur an, arbeitet mit, immer wieder. Wenige Male kiekst Balsoms Trompete. Musikmachen und Sporttreiben liegen häufig eng beieinander. Schade nur, wenn der Sport vor der Musik das Rennen macht.
Völliger Genuss hingegen ist es, die Konzertmeisterin Mayumi Hirasaki anzuschauen und ihr zuzuhören. Sie hält mit geschmeidigen, aber eindeutigen Gesten und direktem, aber warmem Ton ihr Ensemble beisammen. Einen Dirigenten gibt es nicht. Das Concerto Köln hört aufeinander, kommuniziert miteinander, spielt transparent. Gerade in den langsamen Sätzen und Stücken ohne Trompete, wie in John Stanleys Konzert für Streichorchester Nr. 6, zeigt das Ensemble seine Stärken. Die Spieler entwickeln gemeinsam ihre Töne und damit die Musik. Es klingt wie gemeinsames Atmen. Diese Momente sind es, die berühren, die dem Abend den tieferen Sinn geben.
Langer Applaus. Die Musiker spielen den „Prince of Denmark’s March“ von Jeremiah Clarke.
