Ludwig, der einsame Friedefürst
Brauschweig. Der neue Film über den bayerischen Märchenkönig betont die Friedensmission an der Seite Richard Wagners.
Selig sind die Frieden stiften, verkündete ein anderer Außenseiter der Weltgeschichte und wurde dafür gekreuzigt. Seine Botschaft wurde zwar auch in den Kirchen Bayerns verlesen, in denen Kronprinz Ludwig die Messe hörte, doch ansonsten taten die Mächtigen der Welt alles, damit Friedensstreiter für verrückt erklärt wurden. Peter Sehr und Marie Noëlle machen daraus die zentrale Aussage ihres neuen bildkräftigen Monumentalfilms über Ludwig II., der passgenau zum Friedensfest der Weihnacht in den Kinos angelaufen ist.
Staatsapparat, Militär und Klerus hatten keinerlei Interesse daran, dass romantische Träumereien von Frieden und Volkeswohl Realität würden, Aufrüstung und Krieg erklärten sie für alternativlos. Doch plötzlich wird solch ein Träumer König. Statt neuer Waffen kauft er Musikinstrumente. Auf den Flügeln der Musik, der Musik Richard Wagners, dieses anderen Friedensphantasten, will er die Menschenherzen erweichen zu einem neuen friedlichen Miteinander. Ludwig sieht sich als neuen Lohengrin, jenen strahlenden Gralsritter, den Wagner auf sphärischen Klängen in eine verfahrene Opernsituation einschneien lässt. Am Ende wird er scheitern wie dieser, politisch und privat.
Gelebte Wagner-Oper
Der Film macht deutlich, wie sich Geschichte hätte womöglich anders entwickeln können, wenn Ludwig sich hätte durchsetzen können gegen seine Kamarilla. Da scheint der Ausgleich mit Preußen plötzlich möglich, weil die Studenten sich Ludwigs Ideen anschließen, weil es auch in Berlin eine Friedenspartei gegen Bismarck gibt. Und während des Besuchs des frankophilen Bayernkönigs bei Napoléon III. in Versailles fassen sie ein Friedensbündnis gegen Preußens Kriegstreiberei ins Auge. Doch die alten Mächte setzen sich, zum Unheil der Völker, durch.
Sabin Tambrea, dieser wunderbare feingliedrige Ästhet, verkörpert die zerbrechlichen Träume Ludwigs mit strahlender Aura: Ludwig wirft sich in die Rolle als Herrscher, genießt seine Macht zu verblüffenden Entscheidungen. Und flüchtet von den Ereignissen überrollt auf seine Roseninsel.
Tambrea zeigt auch anrührend den Verzagten, den innerlich Zerstörten, der verzweifelt darüber, dass er das Blutvergießen nicht verhindern konnte. So lässt er sich in die starken Arme des Stallmeisters Hornig fallen (Friedrich Mücke), für beide angesichts der verinnerlichten homophoben Morallehre der Zeit ein erotisches Erschrecken.
Dem das Ermannen folgt: Ludwig versucht die Rolle des volksnahen Königs, bereist seine Lande, verlobt sich mit seiner Cousine Sophie, die seine Wagner-Begeisterung teilt. Paula Beer spielt sie mit den großen Augen eines verständnisvollen Kindes. Doch wie Elsa in der Oper will sie am Geheimnis des Gralsritters rühren – wieder Zusammenbruch. Ludwigs neue Rolle wird die des weltflüchtigen Misanthropen: Er baut sich Schlösser als Kunstwelten, fährt nächtens mit der Prunkkutsche durch die Berge. Die Menschen haben ihn enttäuscht, sich seinen Idealen verweigert. Nur durch Masken verkehrt er noch mit ihnen.
Sisi als Demokratin
Verrückt aber ist er in diesem Film nie. Auch nicht, als man ihn als geisteskrank festnehmen lässt. Sehr bewusst legt er nun die Masken und Rollen ab. Trickst auch den Irrenarzt von Gudden aus und flieht in die Unendlichkeit des Sees: „Ertrinken, versinken, unbewusst, höchste Lust“, wie es am Ende von Wagners kühner Tristan-Oper heißt.
Tragische Opern, weil in ihnen Liebe und Frieden an der gesellschaftlichen Realität zerbrechen. Und ein Aufruf, diese künftig zu ändern. Edgar Selge spielt Richard Wagner denn auch als kantigen Theatermacher, der sich den schnodderigen Ton des Dresdner Revolutionärs bewahrt hat und an seinen Visionen festhält. Das wäre in dessen 200. Geburtsjahr auch eine spannende Besetzung für einen politisch aus jener Zeit (und nicht aus der Nazi-Rezeption) entwickelten Wagner-Film.
Sehrs und Noëlles Film ist ein Bilderbogen von visionärer Kraft gelungen. Die Figuren werden dabei in ihrer historischen Realität durchaus verändert. So wird Cosima als eigentlicher Grund für das Zerwürfnis mit Wagner gar nicht erwähnt. Und Sisi gerät bei Hannah Herzsprung zu einer herben Verfechterin der Demokratie! Doch die innere Wahrheit der Konstellationen stimmt dann doch wieder: Ludwigs Friedensmission, sein Getragensein von Christus, Natur und Wagners Musik allen Realitäten zum Trotz.
So ist der Film wie Ludwigs Leben vor allem ganz große Oper, in der der Blütenstaub aus dem Baum rieseln darf wie Sternenregen, um die neue Saat des Friedens auszustreuen...
Im C1-Cinema Braunschweig, 17.30Uhr.
