Im Museum der Sinfonien
Braunschweig In der Zeitschrift „Vier Viertel Kult“ macht sich Braunschweigs Orchesterdirektor Martin Weller Sorgen um sein Kerngeschäft
Da sieht man, wo das Geld sitzt, könnte man frotzeln. Aber im Ernst: Edel gestaltet und zumeist lesenswert ist die Vierteljahresschrift „Vier Viertel Kult“ der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz. Schwerpunkt im neuen Heft: Orchester. Innerhalb dieses Schwerpunktes findet sich ein bemerkenswerter Aufsatz von Martin Weller, Trompeter und Direktor des heuer 425 Jahre alten Braunschweiger Staatsorchesters.
Der umtriebige Mann sorgt sich, das ist ja bekannt. Er sorgt sich um die Zukunft der Kulturorchester. Gut, das tun inzwischen viele, wohl auch mit gutem Grund.
Aber was alle sagen, das streift Weller in seinem Aufsatz nur kurz: Die Änderungen im schulischen Bildungsangebot zu Ungunsten der musischen Fächer. Die Eventkultur, die bei der klassischen Musik vor allem das Star-System befördert und, wie Weller formuliert, im Publikum eher Künstler-Liebhaber als Kunst-Liebhaber hervorgebracht hat.
Dass man darauf reagieren muss mit neuen Vermittlungsformen und mit der populären Ausdehnung des Repertoires etwa auf Filmmusik oder Mischformen mit Rock und Pop, ist ja klar. Machen sie auch alles längst, unsere Staatsmusiker.
Bemerkenswert ist Wellers Aufsatz, weil er tiefer geht – an die Substanz dessen, was er die Königsdisziplin der Kulturorchester nennt: das Sinfoniekonzert.
Wellers These: Das Sinfoniekonzert gerät in die Krise, weil es die Sinfonie als bürgerliche Kunstform nicht mehr gibt. Sie habe am Beginn des 20. Jahrhunderts „in einer autodestruktiven Hinwendung zur Gigantonomie anscheinend ihr unwiderrufliches Ende gefunden.“ Soll heißen: Im Grunde haben die Komponisten diese Kunstform selbst kaputt gemacht, indem sie sie immer größer wuchern ließen.
Diese Entwicklung zeichnet Weller auf vom späten Haydn und Mozart bis Gustav Mahler – etwa von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg. Die Epoche also vom Aufstieg bis zur Katastrophe der bürgerlichen Klasse. Weller nennt sie ein „überdehntes Jahrhundert“. Und was da mit der Sinfonie passiert sei, sei ein Größenwahn.
Ausgangspunkt fürs Ausufern der Sinfonie ist für Weller Beethoven, später folgen Bruckner und vor allem eben Mahler. Dieser „verbrennt das klassische sinfonische Gedankengebäude spätestens in der explodierenden Größe der Besetzung seiner achten Sinfonie“. Als „Vollender“ der ebenfalls von Beethoven ausgehenden sinfonischen Programmmusik nennt Weller Richard Strauss und dessen gewaltige Klanggemälde.
Ein schöner Schwanengesang! Was aber folgt daraus?
Weller selbst, eigentlich nicht als Pessimist bekannt, stellt die drängende Frage: „Reicht das museale Werkangebot eines überdehnten Jahrhunderts aus, um für weitere 25, 50, 100 oder gar 425 Jahre erfolgreich das ,klassische’ Sinfoniekonzert als höchstwichtiges Aufgabengebiet für sinfonische Orchester beibehalten zu können?“
Wir werden den Autor nicht über Gebühr missverstehen, wenn wir vermuten, die Antwort lautet: Eher nicht. Das entscheidende Wort in Wellers Text ist „museal“.
Was ist zu tun? Weller gibt in seinem Aufsatz keine Antwort.
Uns fällt da der Dirigent Simon Rattle ein. Er wurde mal gefragt was wohl Mozart zu dem heutigen Rummel um sich und sein Werk sagen würde. Rattle: „Er wäre vermutlich sehr erstaunt und würde fragen: Ja, habt ihr denn keine eigene Musik?“
Doch, doch, Herr Mozart, würden wir antworten. Aber kriegen wir damit die Stadthalle voll?
