Geld, Sex und Sekt – die Rheingold-Revue
Barrie Kosky inszeniert einen poppigen Auftakt zu Wagners "Ring des Nibelungen" an der Staatsoper Hannover
Zum urgründigen Dauerton am Beginn des "Rheingolds" glüht in Hannover zunächst nur der rote Vorhang auf. Dann steckt eine Rheintochter den Kopf durch den Schlitz wie im Varieté, dann die zweite und dritte, zum vollen Akkord weht die Gardine auf, und die drei schaukeln zum Wogen des Rheines in Federboas inmitten einer Revuegirl-Formation. Showtime!
Der Australier Barrie Kosky, in Hannover bisher durch seine atmosphärestarken und eher minimalistischen Inszenierungen aufgefallen, aber auch Musical-Spezialist, geht erfrischend respektlos an Wagners großartigen Opern-Vierteiler heran. Dabei bleibt er zum revuehaften Auftakt völlig konform mit der Musik und letztlich auch mit Inhalt und Sinn des Werks. Denn inmitten der Revuegirls glänzt schon bald eine goldlackierte Nackte als das begehrte Rheingold auf: Sex und Geld bestimmen den Konsum, wer beides hat, beherrscht die Welt.
So schleppt denn Alberich, der hier wirklich schwarze Schwarzalbe, die Goldpuppe ab, schafft sich in einem fabrikähnlichen Labor den Ring und den Hort als Machtsymbole. Spannend hat Kosky Alberichs Schwur als Rache des Missbrauchten inszeniert: Er muss in der Revue zunächst den Neger machen, bis er rebelliert gegen diese Prostitution, sich die Farbe abwischt und mit Killer-T-Shirt zum Fürsten seiner Kumpel aus dem Prekariat wird.
Dagegen wohnen die Götter auch bei Kosky auf wonnigen Höhen: Wotan elegant im orientalischen Wickelrock, Fricka im Abendkleid, sonnen sie sich im Spiegel-Terrarium. Bloß zwingt der hügelige Boden von Klaus Grünberg zu strauchelndem Gang, was dumm aussieht und, wenn’s denn was bedeuten soll, von banaler Aussage wäre. Zumal wenn die Riesen, als siamesische Zwillinge aneinandergebunden, auch darauf herumhinken müssen.
Loge, der Feuergott, agiert wie ein schmieriger Mafioso, der nach dem Raub des Rings mit Herrscher Wotan Sekt trinkt, aber auch seine eigenen Geschäfte zu machen scheint. Mit diesem sehr jetzigen Personal kann es noch lustig werden in Koskys "Ring"-Soap-Serienoper.
Das Hannoversche Staatsorchester unter Wolfgang Bozic sollte allerdings noch etwas üben. Die ständigen Wackler und Abrutscher bei den Bläsern stören nicht nur in dem dynamisch ohnehin undifferenzierten Vorspiel. Auch wünschte man sich hin und wieder, etwa bei Erdas anrührendem Auftritt als nackte alte Frau, ruhigere, weichere Tempi.
Aus der Sängerriege ragt Tobias Schabel mit auch in den Höhen strahlendem, kraftvollem Bass hervor. Daneben brillieren Frank Schneiders mit markantem, variablem Bass als Alberich und Robert Künzli mit leuchtend-geschmeidigem Tenor als Loge.
Noch 28. November, 11., 18., 27. Dezember. Karten: (0511) 99 99 11 11.

