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Kultur

Fröhliche Frau entdeckt den Weltschmerz

Zum Auftakt der Domkonzerte Königslutter sind Julia Rutigliano das Alt-Solo in Mahlers 3. Sinfonie   

Andreas Berger

Es gibt sicher fröhlichere Texte als das Zitat aus Friedrich Nietzsches "Zarathustra": "Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht! O Mensch! Tief! Tief ist ihr Weh!"

Da sitzt man nun der grundlebendigen, wohlgemuten Sängerin Julia Rutigliano gegenüber, die mit ihrem fränkisch gerollten R vom Skifahren erzählt, von Ausflugsfahrten mit dem Cabriolet und ihrer Vorbereitung auf die rassige Partie der Carmen bei der Wiederaufnahme im Braunschweiger Staatstheater.

Und soll sich doch konzentrieren auf jene dunklen Verse, die sie zum Saisonauftakt der Domkonzerte Königslutter am 5. September mit dem Staatsorchester singen wird. Schuld ist Gustav Mahler, der die Zerrissenheit der Welt in jenes Wechselspiel aus dunklen Philosophenversen und fröhlichen Volksliedern aus der Sammlung "Des Knaben Wunderhorn" bannte.

Im vierten Satz also singt die Mezzosopranistin ein Solo in tiefem Weltschmerz. Im fünften darf sie zum Kinderchor "Es sungen drei Engel" ihre wiederum gedämpften Verse von den übertretenen Geboten anstimmen, die die kindlichen Engelsworte dann aber mit der Verheißung von "himmlischer Freud" für die gläubige Seele beantworten. Dem naiven Volkston mit Bimbam-Rufen folgt dann aber noch mal dramatisches Ringen, vielleicht läutet es nurmehr als Zitat vergangener Harmonie herüber. Das muss Generalmusikdirektor Alexander Joel entscheiden, der die Aufführung leitet.

"Wir beginnen erst mit den Proben, bislang habe ich nur einige der heitereren Wunderhorn-Lieder im Repertoire gehabt", sagt Rutigliano, so auch im Diplom das Sopran-Solo in der 4. Sinfonie, denn damals war ihre Stimme noch heller. Jetzt als Mezzo wird sie sich wohl mit den dunkleren, unglücklichen Charakteren anfreunden müssen. In Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" am Staatstheater spielt sie die Köchin Axinja, die in der Inszenierung der neu verpflichteten Regisseurin Konstanze Lauterbach vergewaltigt wird.

"Ich bin immer erst mal offen für Ungewöhnliches, auch für neue Musik", erklärt Rutigliano. In Bonn hat sie mit dem jüngst gestorbenen Regisseur Christoph Schlingensief gearbeitet. "Jede Probe war wieder eine neue Improvisation. Das war sehr spannend, aber für eine Aufführung hätte es irgendwann mal Festlegungen gebraucht." Das Stück kam dann krankheitsbedingt konzertant heraus, die Inszenierung wurde extra gespielt.

In der "Carmen-High-School-Oper" dreht Rutigliano auch mal mit Rockband auf. "Seir Anna Netrebko, es in die Pop-Charts schaffte, gilt Oper längst nicht mehr als verstaubt. Die Inszenierungen sowieso nicht. Und auch die Musik wird von vielen pur emotional aufgenommen. Dass man das schafft, dass heute bei der Micaela-Arie eine Schülerin weint, spricht doch für diese Kunst!", betont die Sängerin. Früher habe sie sich auf Studentenpartys lieber nicht als Opernsängerin geoutet, in Diskussionen sei sie dann als Ästhetin belächelt worden. Solche Vorurteile haben abgenommen.

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Veröffentlicht: 26.08.2010 - 22:00 Uhr
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