Der Philosoph für alle Fälle
2009-12-30T22:00:00+0100Denker, Biograf und Wolfsburger TV-Gastgeber: Rüdiger Safranski wird 65
Denker werden in Deutschland nicht berühmt. Schon gar nicht zu Lebzeiten. Außer, sie treten im Fernsehen auf. So kann man sagen: Die Wolfsburger Autostadt hat Rüdiger Safranski berühmt gemacht. Seit acht Jahren moderiert der Mann, der am 1. Januar 65 Jahre alt wird, dort mit seinem Kollegen Peter Sloterdijk das Philosophische Quartett.
Die beiden, die sich je zwei Gäste einladen, sind ein gutes Team. Jenseits des Elfenbeinturms der Katheder-Philosophie versuchen sie, philosophisches Nachdenken auf Probleme der Gegenwart wie Wirtschaftskrise, Überbevölkerung, Massentierhaltung anzuwenden.
Während Sloterdijk seine brillanten, wenn auch oft arg manieristisch gedrechselten Wortpirouetten nuschelt, bohrt Safranski unprätentiös und mit beharrlicher Logik dicke Bretter. Während er zwischen den nervösen Fernsehkameras tief im Sessel kauert, meint man, seinen Gedanken beim Entstehen zusehen zu können. Sie sind folglich nachvollziehbar. Er zieht den Klartext dem Begriffsnebel vor. Er wirkt immer etwas kauzig, aber auch kantig.
In der jüngsten Sendung über Benedikt XVI. geißelte er den Antimodernismus des Papstes. Dessen Haltung sei zugleich ein Antidemokratismus und ein Antiliberalismus – und noch dazu antiwissenschaftlich.
Mit glasklarer Logik bezog er in einer früheren Sendung auch Stellung zur Debatte um die Mohammed-Karikaturen. "Mohamed ist ein Prophet, und ein Prophet ist ein Mensch und er ist kein Gott." Also dürfe man der Empörung der Muslime nicht nachgeben.
In einem Interview mit dieser Zeitung nannte er Massentierhaltung einen "Abgrund an Qual, Brutalität Mord, Totschlag". Sehr gut war in dem Gespräch zu erleben, wie Safranskis speziell philosophischer Ansatz zu einem scheinbar ganz und gar unphilosophischen Problem funktioniert: "Im Moraldiskurs der Philosophie gibt es die Position: Wir wissen nicht, was gut ist für den Menschen. Aber die Hauptregel muss sein: Grausamkeit vermeiden. Es wäre eine Revolution der Moral, wenn Tiere als Subjekte der Moral angesehen würden. Bisher sind sie Objekte des Tierschutzes."
Auch werden Verfasser von Biografien in Deutschland nur selten zu Bestseller-Autoren. Außer Safranski. Sowohl sein Buch über Friedrich Schiller und den Idealismus als auch der Nachfolgeband über die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller verkauften sich glänzend.
Das Erfolgsgeheimnis ist wohl, dass er auch in seinen Büchern das Philosophische mit dem Menschlichen organisch verbindet: Man begreift erst richtig, was der Idealismus überhaupt ist – und lernt dabei einen unglaublich vitalen, beseelten, auch ein bisschen nervigen und gar nicht klassisch verstaubten Kerl namens Schiller kennen. Und man begreift Goethes distanziert-kühles Verhältnis zur Welt erst richtig, wenn man seine rückhaltlose Innigkeit zu Schiller dagegen hält.

