Der Kuss der Plastiktüte
2008-09-29T22:00:00+0200Goethes "Leiden des jungen Werther" im Kleinen Haus des Staatstheaters – Marko Werner spielt mit Herzblut
Geht ein Mann zu einer Nutte und sagt: "Wie wär’s mit uns beiden, ich habe aber nur 20 Taler." Sagt sie: "Für 20 Taler kannst du es dir selber machen!" Der Mann trollt sich. Nach zehn Minuten kommt er zurück zu der Dame und fragt: "Und wo kann ich jetzt bezahlen?"
Den Witz erzählt Werther seiner Herzensdame! Sowas!
Nun war ja der junge Dichter-Draufgänger – so schätzen wir ihn ein – einer kleinen Zote sicher nicht abgeneigt. Aber diesen Witz hat er denn doch nicht reingeschrieben in seinen Roman. Dazu war Werther viel zu empfindsam, viel zu gefühlig, zu schwärmerisch. Das kann einem schon mal auf die Nerven gehen beim Lesen.
Und dann denkt man beim Hinrennen ins U22 des Staatstheaters: Ach, schon wieder ein Roman auf der Bühne, und dann auch noch Goethes alte Schwarte, die ja schon mindestens 2000 Mal Und dann wird das aber doch richtig gut.
Für alle, die damals in der Schule gerade die Masern hatten: Es geht um einen jungen Mann, der sich in die allerliebste Lotte verliebt, welche aber verlobt ist mit dem braven Albert. Über sein Sehnen, seine Pein schreibt er glühende Briefe. Sie heiratet Albert, er raubt ihr einen Kuss, sie weist ihn von sich, er jagt sich eine Kugel in den Schädel.
Regisseur Jörg Bitterich und Schauspieler Marko Werner ist – von ein paar Längen und den überflüssigen Videos abgesehen – eine fantasievolle, zeitlose, teilweise sogar witzige Inszenierung gelungen. Die Empfindsamkeit dieses inbrünstig Leidenden aus dem 18. Jahrhundert wird dabei nicht unterschlagen oder ironisiert. Sie wird nur auf erfrischende Weise kontrastiert.
Indem etwa dieses herzenswunde Weichei sich mit dreistem Charme zwischen Lotte und Albert drängt und jenen Witz erzählt. Indem er zur Luftgitarre "Girl, you got me now" singt. Indem er mit ungeladenen Pistolen auf Albert ballert. Indem er sich als Nikolaus verkleidet und uns ein "beschissenes Weihnachten" entgegenrotzt. In diesem poetischen Nichtsnutz, so ahnen wir, steckt auch ein kleiner Punk.
Es ist eine tolle Leistung des Schauspielers. Er zeigt mit virtuosem Körpereinsatz, wie so eine unglückliche Liebe einen jungen Menschen durchrüttelt und -schüttelt, der keine gesellschaftliche Stabilität, kein soziales Netz hat.
Werner beginnt sein Spiel im Wortsinne mit Herzblut (es quillt ihm ins T-Shirt) – sanft lächelnd, mit großen, leuchtenden Augen. Am Ende ist er weiß geschminkt, hartkantig, zynisch.
Geschickt agiert Werner mit zwei plumpen Puppen. Albert hockt da im bräunlichen Rautenpulli wie ein Sack – eine prägnante Imagination der Verachtung, die der unbehauste Außenseiter Werther für den Biedermann und seine ganze wohlgeordnete Bürgerlichkeit hegt.
Lotte hingegen, die Blondpuppe mit der blauen Plastiktüte als Gesicht – – ach, ich glaube, niemals ist auf deutschen Bühnen eine Plastiktüte so innig geküsst worden!
Kräftiger Beifall.
Aufführungen: 4., 6., 26. Oktober, Karten: 0531/1234567.


