Wenn der Atem die Körper über die Bühne fegt
Hannover Drei junge Choreographen zeigen in „Think big“ beim Festival Tanztheater international in Hannover spannende Bewegungsideen.
Die Atmung kommt tief aus dem Bauch, das sieht man am Schluss, als ein Tänzer das T-Shirt hebt und die Bauchmuskeln tanzen lässt. Den Takt des Stücks von Philipp van der Heijden, Dozent der Wolfsburger Movimentos-Akademie, geben die auf dem Boden sitzenden Tänzer mit hörbar ausgeatmeten Silben. Je lauter sie werden, desto stärker wirft sie die Atembewegung nach vorn und treibt sie so langsam über die ganze Bühne. Und während sich die Beklemmung des stillsitzenden Zuschauers steigert, beginnen die Tänzer, diese Atembewegung nun auch im Liegen oder Stehen, zuletzt in Paarkonstellationen umzusetzen, so als drücke einer den anderen wie einen Flummi immer wieder nieder, der dann wiederum aufspringt. Auch erotische Rhythmik ist assoziierbar.
Hier kommt mit dem Atem tatsächlich das Innerste nach außen, bestimmt Bewegung und Sozialverhalten. Zu sehen ist vitalste Abarbeitung, die das Unerbittliche des Lebens atemberaubend spürbar macht. Auch wenn die Dynamik variiert, Ausruhen geht nicht, Nichtatmen ist Tod.
Van der Heijdens Idee ist faszinierend innovativ und konsequent. Er und seine zwei jungen Kollegen bestätigen so die gute Wahl für das neue Format „Think big“, das Staatsopernballett und Tanztheater-festival gegründet haben. Junge Choreographen erhalten dabei Gelegenheit, mit einer größeren Gruppe als sonst in der freien Szene möglich zu arbeiten. Und die Starter haben eine vorzügliche Crew gecastet, die die drei verblüffend unterschiedlichen Stile hingebungsvoll bedient.
Denn Yaron Shamirs „Urban wolf“ ist nicht minder anspruchsvoll. Geprägt von großstädtischer Hektik, rennen, wirbeln, drehen die Tänzer mit ihren schwarz verschmierten Gesichtern durcheinander, Fremde überall, kontrastiert zu Einzeltänzern, doch selbst auch in der Gruppe vereinzelt.
Wieder eine ganz eigene Bewegungsform hat Chikaki Kaido gewonnen. Bei ihr stehen alle Tänzer zunächst als einzelne in der Reihe, strecken langsam Gliedmaßen zu den Nachbarn aus und geraten durch entsprechende Gewichtsverlagerung, Stützen, Anheben, Umarmen in ein Beziehungsgeflecht, das vom Gleichgewicht aller lebt. Strauchelt einer, bricht die ganze Gruppe zusammen. Eine spannende Entwicklung mit offenbaren sozialen Verweisen.
Rasender Applaus für das gelungene Gesamtprojekt. Vielleicht könnte wenigstens dabei Braunschweig wieder mit ins Boot? Ein Gastspiel wäre ebenso denkbar wie neue Aufgaben für die jungen Choreographen.
