Marlene Jaschke begeisterte in der Stadthalle Braunschweig
Braunschweig „Auf in den Ring!“ heißt das neue Programm von Marlene Jaschke alias Jutta Wübbe. Am Donnerstag nahm die Kultfigur den Kampf mit Richard Wagner auf.
Richard Wagner braucht für seinen „Ring des Nibelungen“ 16,5 Stunden, Marlene Jaschke schafft’s in zweieinhalb. Was zu beweisen war, denn ihre Freundin Hannelore hatte sie mit in den „Ring“ geschleppt, „ein Kopfmensch wie Wagner“: „Das hat der alles selbst gedichtet“, stellt sie angesichts der Partitur in der Größe eines Tapetenmusterkoffers fest. Die Musik ist auch von ihm, „aber da hätte er sich auch etwas Flotteres einfallen lassen können“.
Frau Jaschke hält sich nämlich völlig zu Recht für einen Bauchmenschen: „Wenn das ganze Orchester von Herrn Wagner über mich drüberrollt, hab‘ ich mich nicht mehr im Griff!“ Halb fasziniert und dann immer wieder empört, erzählt sie nun Wagners vertrackten Mythos aus der Sicht einer biederen, aber musikliebenden Schraubengroßhandelsangestellten nach, die sich in Volkshochschulkursen tapfer freigeatmet hat. Das beginnt beim Urknall im Rhein und endet mit dem Brand der Götterburg Walhall.
Zweieinhalb Stunden sehr persönliche Wagner-Exegese, und damit füllt Frau Jaschke die Braunschweiger Stadthalle inklusive einer Empore. Jutta Wübbe, die diese Figur aus dem Volke einst für „Schmidts Mitternachtsshow“ auf St. Pauli erfunden hat, spielt dabei charmant mit den Assoziationsebenen, die einer Frau wie Marlene so durch den Kopf schießen. Mit dem gedehnten Hamburger Akzent, den übersteigerten Altjungfergesten, ihrer Art, ohne Atemholen vom Hölzchen aufs Stöckchen zu kommen, hat Wübbe das Jaschke-Porträt so perfektioniert, dass es mit jedem Thema funktionieren würde - sogar mit Wagners nicht eben mehr allbekanntem „Ring“.
Da ist die verklemmte Hausfrau, die sich sorgsam den Rock zurechtzuckelt, bevor sie sich setzt, die dem Pianisten das selbtgehäkelte Deckchen präsentiert und bei Brünnhildes Sprung in den Weltenrand vor allem an das schöne Kleid denkt. „Das war so beige mit rotem Rand“ - Frau Jaschkes Standardfarben!
Zugleich fühlt sie sich sofort mit allen Figuren wesensverwandt. Wartet nicht auch sie auf einen Siegfried, der sie erwecken möge wie Brünnhilde? Nur ist es ihr Arbeitskollege Siegfried Tramstedt. Und ist nicht ihr Hausmeister in der Buttstraße am Fischmarkt genau so ein hässlicher, fieser Knilch wie Zwerg Alberich, der den Ring stiehlt? Während wiederum in der Ehe ihrer Schwester genauso wenig läuft wie bei Fricka und Wotan, der allerdings viel anderweitig „herumbuttschert“. Gelegenheit zur Abschweifung, aber auch zu der ring-internen Feststellung, dass da alle irgendwie miteinander verwandt sind. Und so stimmt sie „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ an, womit in der Oper der Bruder die Schwester überwältigt, und nähert sich wonnigen Blicks ihrem Pianisten, Herrn Griepenstroh, dem Orgelspieler von der Trinitatisgemeinde, dem sie sich geschwisterlich verbunden fühlt. Wer weiß, ob Wagners Zauber…?
Frau Jaschke muss dann doch wieder im Publikum Ausschau halten, stimmt, wenn ihr das Herz übergeht, noch andere passende Lieder von „Money, money,money“ über Rossinis „La Danza“ bis „Truelove“ an, auch immer wieder (transponierten) Wagner, und schafft es so, dass sich tatsächlich das Anliegen von Wagners „Ring“ vermittelt. Denn auch Frau Jaschke hält viel von der Liebe und wenig von Machtgier. Wenn Herr Wagner Frau Jaschke gekannt hätte, wer weiß… Zumindest wäre der „Ring“ kürzer ausgefallen. Langer kräftiger Applaus eines gründlich durchheiterten Publikums.



