Die blutige Rache des Sweeney Todd
Magdeburg Brutal gute Unterhaltung bietet Stephen Sondheims haarsträubender Musical-Thriller in der Oper Magdeburg. Kevin Tarte singt die Titelrolle.
Es ist der wohl blutrünstigste aller Musical-Stoffe. Im Akkord schneidet der rachsüchtige Barbier Sweeney Todd im London des 19. Jahrhunderts alleinstehenden Kunden die Kehle durch. Seine Vermieterin Mrs. Lovett verarbeitet das Frischfleisch zu Pasteten, die sie in ihrem florierenden Imbiss unters hungrige Volk bringt – ein düsteres Zerrbild der Massenproduktion, die im viktorianischen Zeitalter ihren Siegeszug antrat.
Auch Schauergeschichten hatten Konjunktur. Die Mär von Sweeney Todd, 1846 als Groschenroman erschienen, kannte und kennt in England fast jedes Kind. Stephen Sondheim machte 1979 ein Musical daraus, das Tim Burton vor fünf Jahren mit Johnny Depp als Titelheld verfilmte. In Magdeburg lässt nun Musical-Star Kevin Tarte das Rasiermesser blitzen. Fans ist er als Graf von Krolock aus dem Erfolgsstück „Tanz der Vampire“ bekannt.
Hochaufgeschossen, von langem Grauhaar umflort, stolziert der 55-Jährige mit dunklem Charisma durch die konsequent düsteren Bühnenbilder im Magdeburger Opernhaus. Die verwinkelt-scharfkantigen Kulissen sind allesamt schwarz gestrichen. Davor rotten sich im fahlen Zwielicht die Choristen in zerlumpten Tagelöhner-Klamotten zu Volksszenen zusammen. Ein bleicher Mond blickt trübe auf sie herab.
Das klingt schauerlich, und doch ist dieser „Musical-Thriller“ ein herrlich haarsträubendes Vergnügen. Was ganz wesentlich an Gaye McFarlane liegt, die die Rolle der mörderisch geschäftstüchtigen Pastetenhändlerin Mrs. Lovett mit geschmeidigem Sopran und viel komödiantischem Talent ausfüllt.
Gekonnt arbeitet McFarlane das Allzumenschliche dieser Mutter Courage von London heraus: Gewissenlose Mittäterin auf der einen Seite – und mit ihrem emsig verfolgten Wunsch nach ein klein wenig Geschäfts- und Liebesglück doch auch Sympathieträgerin.
Der dunklen Anziehung Sweeney Todds ist sie rettungslos erlegen. Am Ende ereilt auch sie sein Messer, ebenso wie die wahnsinnige Bettlerin, in der er schließlich seine einst bezaubernde Frau erkennt.
Um sie ihm zu entreißen, hatte der korrupte Richter Turpin den Barbier einst grundlos in die Verbannung geschickt. Mit ihrer Ermordung führt der mörderische Heimkehrer seinen Rachfeldzug selbst ad absurdum.
Kevin Tarte verleiht dem Rasiermesser-Kohlhaas auch stimmlich großes Format mit seinem dunkel grundierten und doch fokussierten, textverständlichen Bariton. Aus dem starken Ensemble ragen die Tenöre Kartal Karagedik als Seemann Anthony Hope und Michael Ernst als Geselle Tobias heraus.
Regisseur Leonard Prinsloo ist eine atmosphärisch packende und psychologisch schlüssige Gratwanderung zwischen Komik und Horror gelungen. Dirigent David Levi führt das Orchester präzise durch die Partitur Stephen Sondheims (Jahrgang 1930). „Sweeny Todd“ verfügt über wenig große Arien, oft sprech-singen die Sänger eher über die farbenreiche Musik, die zwischen Spätromantik und Moderne à la Benjamin Britten und typischem Musical-Pepp changiert.
Bis Jahresende nur noch Restkarten. Dann wieder am 4. und 10. Januar, 9. Februar, 29. März. Tickets: (0391) 540 65 55.
