Ganz Paris träumt von der Liebe

Hildesheim  Henry Mancinis Film-Musical „Victor/Victoria“ erzählt von verwirrenden Gefühlen im Geschlechtertausch.

Jens Krause als Toddy und Caroline Zins als Victoria, die Victor spielt, im Pariser Hotel.

Foto: Andreas Hartmann

Jens Krause als Toddy und Caroline Zins als Victoria, die Victor spielt, im Pariser Hotel. Foto: Andreas Hartmann

Eine super Geschäftsidee: Weil Victoria als seriöse Sängerin im Cabaret keine Chance hat, gibt sie sich als Mann Victor aus und feiert als Travestie-Star Triumphe. Auf der Bühne darf sie so wieder eine Frau sein und bringt mit dem hohen A Champagnergläser zum Zerplatzen.

„Victor/Victoria“ war als Film einst mit Julie Andrews erfolgreich, geht aber auf einen deutschen Film von 1933 zurück, der trotz der seinerzeit pikanten homosexuellen Untertöne auch damals gefeiert wurde. Das Theater für Niedersachsen zeigt jetzt das Musical in Hildesheim und auf Tournee in der Region.

Victorias Impresario Toddy ist bekennend schwul und weiß sich mit ihr ein ums andere Mal in Männerfragen einig. Jens Krause spielt den gereiften Mann des Showbusiness dabei nicht nur auf Pointe, sondern lässt immer eine gewisse Nachdenklichkeit mitklingen. Ein auch ernstzunehmendes, untuntiges Rollenporträt.

Caroline Zins zeichnet ebenso einfühlsam die gefeierte Victoria. Als Frau, die vorgibt, ein Transvestit zu sein, wird sie mit allen männlichen Vorurteilen gegenüber Homosexuellen konfrontiert. So will der Edel-Gangsterboss King Marchand von vornherein nicht wahrhaben, dass sich hinter der betörenden Travestie-Virtuosin Victoria, in die er sich schlagartig verliebt, ein Mann verberge, denn dann müsste er ja schwul sein, und das kann er sich nicht eingestehen. Stück und Regie geben Tim Müller zu wenig Raum, die wachsende Faszination Victor/Victorias auf ihn und die Verunsicherung über seine eigene sexuelle Orientierung zu erspielen. Nur ein Lied hat er zu diesem Thema. Sonst geht es in der Musical-Fassung zu sprunghaft voran, die Liebe bekommt keine Zeit, sich zu entwickeln. Immerhin gesteht er Victor vorm ersten Kuss: „Es ist mir egal, ob du ein Mann bist.“ Höchste Zeit für Victor, sich als Frau zu outen. Was sie öffentlich zu einer Betrügerin macht und ihre Karriere beendet. Wichtig ist, dass King den Kuss wagt, als die anderen noch nicht wissen, dass Victor eine Frau ist.

Mit Kings etwas schlicht gestrickter und darum witziger Ex-Freundin Norma (Annika Dickel) und dem Kraftpaket von Bodyguard (Alexander Prosek), der sich am Ende gegen alle Klischees als schwul outet, entsteht so eine Gefühlswirrnis voller Pointen und Slapstick, die Regisseurin Katja Buhl aber etwas bieder abspult. Man könnte sich mehr Einfälle, etwa Lichtwechsel zu den gut choreographierten Kampf-Zeitlupen, aber auch noch natürlichere Dialogregie vorstellen.

Die Bühnenumbauten bremsen ein wenig: Üppig sehen die Hotelsuiten aus, dürftig wirkt das erste Bild in den Straßen von Paris. Erst nachher strahlt der Eiffelturm durchs Fenster. Henry Mancinis Musik bietet unter Andreas Unsickers Leitung eine betont jazzige Note. Und Caroline Zins hat eine große Stimme, das überzeugt.

In Hildesheim am 21. Oktober, 2., 9., 13. November, in Clausthal-Zellerfeld 30. November: (05121) 16931693.

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