Zeitgeist-Späßchen

Braunschweig  „Jenny Jannowitz“ wird im Staatstheater zur Comedy-Revue.

Raphael Traub und Bea Brock (vorn), bereit zum Abheben.

Foto: Volker Beinhorn

Raphael Traub und Bea Brock (vorn), bereit zum Abheben. Foto: Volker Beinhorn

Nach dem sprechenden Baumwollbällchen nun also sprechende Kleiderhaken und Stuhllehnen. Regisseurin Catja Baumann nimmt Michel Decars absurde Spielanweisung am Beginn seines Stücks „Jenny Jannowitz“ leider nicht als nebulöses Raunen in der noch traumverlorenen Aufwachphase des Stückhelden Karlo Kollmar. Sie lässt die Schauspieler wie Uhren klickern, Schilder wie Sprechblasen hochhalten und albern austicken, dass man sich vorkommt wie im Kindertheater.

Danach entwickelt sich das Stück mit seinen schlagfertigen Wortwechseln zu einer Art Boulevardkomödie der gehobenen Art, die mit verblüffenden Dialogen punktet. Denn bei Karlo reagieren Chef, Mutter, Freundin und Kumpel ganz anders, als man in unserer wettbewerbsmäßig getakteten Welt erwarten würde. Da ist Zuspätkommen plötzlich okay, gibt es Geld genug, und Selbstfindung ist ein geschätzter Leitwert.

Decar surft da geschickt zwischen selbstironischer Zeitgeistanalyse und der Subversion des Absurden. Und die Schauspieler geben mit Lust sehr rollendeckende Porträts ihrer Figuren: Andreas Bißmeier spielt sehr gut die falsche Jovialität des Chefs, Martina Struppek gibt mit trockenem Ton die Mutter, die immer zuerst an sich denkt, und Tobias Beyer einen schmierigen Freund, der Karlo bei jedem Trendwechsel eine Nasenlänge voraus ist.

Rika Weniger zeigt eine Freundin mit entwaffnend offenen Absetzungstendenzen, die sich auch im schleichenden Wechsel ihrer Vornamen zeigen. Genau diese Anzeichen eines zunehmenden Entgleitens der Welt werden in Baumanns zu comedyhafter Inszenierung leider nur zu albernen Pointen genutzt, die das Theatermachen selbst thematisieren.

Dabei könnte der Text eine kafkaeske Dimension haben mit K(arlo), der existentiell aus der Zeit geworfen ist, und seiner wachsenden Entfremdung. Raphael Traub lässt im angstvollen Lavieren zwischen den Kommunikationsregeln der Leistungsgesellschaft und der Öffnung für unvernünftige, zeitlose Weiten diese Lesart zu. Und Bea Brock bietet als Zauberin Jenny mit verlangsamten Bewegungen im Sternenzelt ein schönes Abbild dieser elfenhaften Verführung.

Weniger Revue, mehr zauberhafte Verfremdung, das wär’s gewesen. So bleibt der gut gespielte Spaß recht oberflächlich.

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