Märchen in Kisten

Braunschweig  Ein Schneewittchen-Parcours und die Phantasie „Swamp Club“ beschlossen das Festival Theaterformen.

Die Bewohner von Philippe Quesnes „Swamp Club“ testen eine Anlage gegen Eindringlinge.

Foto: Martin Argyroglo/Theaterformen

Die Bewohner von Philippe Quesnes „Swamp Club“ testen eine Anlage gegen Eindringlinge. Foto: Martin Argyroglo/Theaterformen

Es sind niedrige Sperrholzkisten, in die man gebückt hineinsteigen muss. Doch darin steckt jeweils eine andere Welt: Da liegt ein Häufchen Erde in der Ecke, kaum genug für ein Kindergrab, Waldvögel singen vom Band. Dann strahlt ein fast raumgroßer Kristalllüster, und penetranter Parfümduft erfüllt die Kiste. Dafür müffelt’s im Zimmer mit den sieben Paar Schuhen.

Ein Raum ist um die Ecke gebaut, man muss über einen toten Vogel steigen, um ihn wieder verlassen zu können. Später gibt es eine aseptische Kammer mit Manikürebesteck, das auch an Operationswerkzeuge erinnert. Und am Ende liegen Fundobjekte wie alte Fotos, ein Herz und Puderdose, eingeschweißt herum wie bei der Mordkommission.

Zwischen Kristalllüster und stinkenden Stiefeln

„B“ (für Biancaneve) ist ein Parcours zwischen Schönheit, Leben und Tod, wie ihn auch das Märchen „Schneewittchen“ beschreibt. Vom Band erklingen Passagen daraus, aber auch Gedanken, die denen der Märchenfiguren ähneln und von Unschuld, Neid und Lust handeln.

Die Gruppe Trickster lotet die Stichworte des Mythos aus, lässt den Besuchern einzeln im Raum aber gerade genug Platz für eigene Assoziationen. Etwas minimalistisch ist die Ausstattung, etwas mehr hätte von außen passieren können, um die Unheimlichkeit durch Klopfen oder Rütteln zu steigern.

Die letzte Tür öffnet leider kein wachküssender Traumprinz, sondern ein Zwerg auf dem Fahrrad, der einen prosaisch zur Theatertreppe leitet. Märchen sind auch nicht mehr, was sie mal waren.

Ein modernes Märchen erzählt mit ungleich mehr Aufwand Philippe Quesne mit seinem „Swamp Club“. Auf Stelzen in den Sumpf gebaut, leuchtet eine Art Vivarium ins Dunkel, das sich nach und nach lichtet und den Blick unter anderem auf eine Höhle freigibt. Quesne liebt Ausstattungsrealismus. Es treffen sich moderne Kreativwirtschaftler mit Computerfaible, aber auch ein Streichquartett, gehen spazieren, saunieren und reden Bedeutungsloses.

Die Zeit streicht dahin, aber nicht unangenehm, da die Live-Quartettsätze von Schubert und Schostakowitsch gut sind und man auf dem Computerlaufband das Märchen vom Maulwurf lesen kann. Der erscheint dann noch wirklich als überdimensionierte Plüschfigur und wird gepflegt. Später wird wegen einer diffusen Gefahr von außen das ganze Bühnenbild aus Pflanzen und Tierattrappen ins Vivarium gerettet, während sich die Menschen wie der Maulwurf im Märchen offenbar für einige tausend Jahre in die Höhle zurückziehen. Wie gesagt, Zeit kostet nichts in dieser Produktion.

Mit dem Streichquartett

in die Sauna

Das Ganze erinnert an Kinderspiele, in denen ein sorgsam aufgebautes Idyll zerstört, alle Spielsachen und auch die Zweige und Steine und Regenwürmer in die Butze gerettet werden, eine Art mütterlicher Urhöhle, derer sich die Kinder so immer wieder selbst vergewissern in einer undurchschaubar gewordenen, un-heimlichen Welt.

So verschafft Quesne in seinem Vivarium den Erwachsenen noch einmal kindlich wohlige Gefühle, rettet Natur, Zeit und Geborgenheit in die Butze vor einer rastlosen, chaotischen Welt. Sicher keine sehr differenzierte Gesellschaftsanalyse, aber auf ästhetisch-emotionaler Ebene suggestiv.

KOMMENTAR

Mehr Form, bitte

Mit 85 Prozent Platzauslastung sind die letzten Theaterformen unter Leitung von Anja Dirks zu Ende gegangen. Sie hat besonders junges Publikum aufgetan, die Vernetzung in Schulen und Uni klappt inzwischen offenbar. Ihr ästhetischer Wille war es, besonders Randbereiche des Theaters in Richtung Performance oder Installation aufzuwerten. Je minimalistischer, je improvisierter, je unliterarischer desto besser. Die Befreiung von der werkhaften Geschlossenheit in Inhalt und Form hat eine Tendenz zum Halbgaren und zu vorzeitiger Selbstzufriedenheit hervorgebracht, die beim Zuschauer oft genug den Wunsch zurücklässt, die Künstler möchten das Material noch einmal überformen, inhaltlich weiten und vertiefen. Übrigens auch im umgekehrten Fall, wenn Effekt-Explosionen den Inhaltsfokus ersetzen. Es ist zu einfach geworden, bei den Theaterformen mitmachen zu dürfen. Bei den Kleinformaten ist ein Unterschied zum studentischen Nachwuchsfestival „Fast Forward“ nicht mehr zu erkennen. Was nur den Trend bestätigt.

Ein Festival, das nicht nur nachspielt, was in Berlin und Wien sowieso grade angesagt ist, müsste auf die Suche gehen nach den durchaus weitgefächerten Formen des Erzählens welthaltiger Stoffe, für die Peter Brooks zauberhafter „Sturm“ bei den ersten Theaterformen Maßstäbe gesetzt hat. Darunter hat es keinen Sinn.

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