Ungarn ist undicht

Braunschweig  Das europäische Theaterfestival „fast forward“ für junge Regisseure wurde im Staatstheater eröffnet

Szene aus der ungarischen Shakespeare-Version „Coriolanus“.

Szene aus der ungarischen Shakespeare-Version „Coriolanus“.

BRAUNSCHWEIG. Ist unser Staatstheater schon wieder renovierungsbedürftig?! Da tropft’s durch die Decke der Probebühne. Plop, plop, plop in einen Eimer. Wir sind aber natürlich im Theater. Also sind wir eigentlich gar nicht in Braunschweig, sondern im alten Rom. Und das liegt an diesem Abend in Ungarn.

Zu Beginn des Festivals „fast forward“ für junge Regisseure aus Europa spielt die ungarische Hopp-Art-Company Shakespeares Drama „Coriolanus“. Es geht um einen aristokratischen römischen Kriegshelden. Als die Plebejer aufmucken, weil die Reichen das Korn horten, lockt er sie mit Beuteversprechen zum Feldzug. Die Römer gewinnen, der Held bekommt den Ehrentitel Coriolanus und lässt sich zum Konsul wählen. Als sie merken, dass er gar keinen Bock auf sie hat und ihre Lage sich nicht bessert, werfen sie ihn aus der Stadt. Aber er kommt wieder. Mit einem Heer...

So weit das alte Rom. Wir sind freilich in Ungarn. In der Inszenierung von Csaba Polgár kommen die Plebejer als Proletarier in Jogginghosen. Beim Biertrinken besudeln sie sich ungeschickt, beim Erstürmen des feindlichen Palastes fummeln sie schüchtern an der Einlass-Kordel herum. Der Feldherr kraftmeiert im Unterhemd auf die Bühne – ein grober Kampfklotz.

Adel ist hier Geldadel. Die Heldenmutter ist Milliardärin. Sie will, dass ihr Sohn seine Volksverachtung taktisch leugnet, will ihn zum lupenreinen Demokraten drillen: „Sprich ihnen von Korn, Nation, Einheit, Zukunft...“. Derweil wird im Lande die Meinungsfreiheit unterdrückt.

Die Shakespeare-Adaption mit Gesang ist nicht überwältigend. Aber sie überzeugt als kluge ungarischen Aktualisierung: Schwankende Unreife zur Demokratie beim Volk, zynische Unwilligkeit bei den Plutokraten – ein Lehrstück auch für andere Länder. Am Ende tropft es wieder. Ungarn ist immer noch marode.

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