Zeitvertreib für Hochgebildete und Besserverdienende?
Hildesheim Das Buch „Kulturinfarkt“ greift die Praxis der Kultursubvention an und löst eine heftige Debatte aus –Die Expertin Birgit Mandel im Interview
Eine Welle der Empörung hat das Buch „Der Kulturinfarkt“ in der Kulturszene ausgelöst. Der Bund der Steuerzahler will die Kultursubventionen in Niedersachsen und Bremen auf den Prüfstand stellen. Mit der Hildesheimer Kulturpolitik-Professorin Birgit Mandel (48) sprach darüber Katharina Vössing.
Was halten Sie von dem Buch?
Es bringt eine überfällige Debatte über die Ziele, die wir mit öffentlicher Kulturförderung in Deutschland erreichen wollen, in Gang. Ziele von Kulturpolitik sind bislang ein Tabuthema gewesen. Wir haben Angst, durch vorgegebene Ziele der Kunst ihre Freiheit zu nehmen. Oder aber, Kunst an Massenbedürfnisse anzupassen. Ich glaube, das ist eine ungerechtfertigte Befürchtung.
Warum wird das Buch von vielen als Bedrohung wahrgenommen?
Als Bedrohung sieht es natürlich der traditionelle Kulturbetrieb. Er hat Angst, alte Besitzstände zu verlieren. Aber dieses Buch hat manche Dinge etwas ungeschickt formuliert. Die Autoren wurden missverstanden. Sie wollen nicht, dass die Hälfte der Kultursubventionen gestrichen werden. Es geht darum, Geld frei zu haben, um neue Kultureinrichtungen finanzieren zu können.
Also geht es eigentlich um eine Umverteilung des Geldes?
Wenn man die Kosten für eine Oper jährlich zur Verfügung hätte, könnte man in 30 bis 50 Schulen kulturelle Bildungsangebote etablieren. Dann könnte man viele freiberufliche Künstler engagieren, die eine zusätzliche Einnahmequelle hätten. Und man würde garantieren, dass Kunst und Kultur schon im frühen Alter als etwas Lebensbereicherndes erfahren wird. Das ist das Wichtigste, was wir in Deutschland brauchen: kulturelle Bildung für alle.
Was ist denn überflüssig?
Ich würde, wie die Autoren auch, vermuten, dass viele Kultureinrichtungen überflüssig sind. Das kann man aber nicht so pauschal sagen. In einer Großstadt wie Berlin könnten wir locker auf eine Oper oder ein paar Theater verzichten. Wenn man hingegen in einer strukturschwachen Region ein Theater schließen würde, würde man damit womöglich den letzten Kulturort auch noch zumachen.
Das sind schwierige und harte Diskussionen, weil keiner, der mal was hatte, bereit ist, das aufzugeben. Und es bedarf großen kulturpolitischen Mutes, eine solche Entscheidung durchzuziehen.
Das hört sich danach an, dass nur die Stärksten überleben werden.
Die Autoren würden gerne die Kulturwirtschaft einschließlich der freiberuflichen Künstler stärken.
Was sagt die Kulturnutzerforschung?
Sie zeigt, dass nur acht Prozent der Bevölkerung zu den aktiven regelmäßigen Nutzern der öffentlich geförderten Kultureinrichtungen zählt. Das ist eine alarmierende Zahl. Und diese acht Prozent sind ausschließlich Hochgebildete und meistens Besserverdienende. Das heißt, wir unterhalten ein Netz öffentlicher Kultureinrichtungen, das für die meisten nicht von Relevanz ist.
Vor allem junge Menschen mit Migrationshintergrund werden viel mehr von den privaten Kulturanbietern angesprochen. Sie haben einen sehr viel breiteren Kulturbegriff als die deutschstämmige Bevölkerung, die unter Kultur eben die Hochkultur versteht, die an die Klassik des 18. Jahrhunderts angelehnt ist.
Muss der Kulturbegriff aufgebrochen werden?
Er muss stark erweitert werden. Alles hat seine gleiche Berechtigung. Man kann nicht einfach sagen, dass der Laienchor, das Popkonzert oder der Blockbuster-Film schlechte Unterhaltungs-Kultur sind.
Diese Erweiterung ist sehr gewagt.
Ja, aber ich glaube, dass es der einzige Weg ist, damit Kultur wieder in der Mitte der Bevölkerung ankommt. Denn wenn all das, was Menschen in der breiten Bevölkerung mögen und schätzen, als schlechte, nicht förderungswürdige Kultur abgestempelt wird, ist klar, dass die Distanz zwischen der Bevölkerung und einem öffentlichen Kulturleben immer größer wird.
Ist der Anspruch „Kultur für alle“, den Hilmar Hoffmann in den 1970er Jahren prägte, gescheitert?
Ich finde diesen Anspruch nach wie vor richtig, aber mit dem Zusatz „Kultur von allen“. Der Begriff Kultur für alle wird angegriffen, weil er die Idee eines patriarchalischen Kulturstaates impliziert, der weiß, was für seine Bürger die richtige Kultur ist. Nach dem Motto: Die blöde Masse soll jetzt erstmal mit Schiller beglückt werden. Dieser Kulturbegriff ist natürlich überholt. Vom Grundsatz aber ist er nach wie vor richtig und wichtig. Denn wir sind nur eine Kulturnation, wenn wir ein kulturelles Leben haben, das von möglichst vielen Menschen der Bevölkerung mitgetragen wird.
Kultursubvention ist für den Staat eine freiwillige Verpflichtung. Schüttet das Buch Wasser auf die Mühlen der Schuldenbremse?
Das ist die ganz große Gefahr. Wenn das Buch missverstanden wird, wie es zurzeit passiert, könnte der Eindruck entstehen, dass die Hälfte der Kulturangebote in Deutschland auch reicht. Da muss man entschieden dagegen halten.
(In der morgigen Ausgabe sprechen wir mit dem Braunschweiger Staatsorchester-Direktor Martin Weller über das Thema.)
•„Der Kulturinfarkt. Von allem zu viel und überall das Gleiche“ von Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz. Knaus Verlag, 288 Seiten, 19,99 Euro.

