Was der Wolf vom Arthur hält
Wolfsburg Beim Festival Movimentos in der Autostadt las und kommentierte der Dichter Wondratschek den Philosophen Schopenhauer
Wolf Wondratschek provoziert. Er erklärt, bevor er im 360-Grad-Kino der Autostadt auch nur ein Wort aus Arthur Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“ gelesen hat, nicht einverstanden zu sein: mit dem Philosophen und seinem Text.
Ein Schauspieler ist der 68-Jährige nicht, aber seine tiefe Stimme passt zu Schopenhauers Aphorismen , die er fortan nicht unkommentiert lässt. Arthur nennt er ihn einfach, als sei der Philosoph aus dem 19. Jahrhundert mit ihm vertraut. Es ist diese leicht ironische, teils spöttische, dann wieder ernsthafte Auseinandersetzung mit dem zu lesenden Text, die diesen langen Abend spannend macht, die nötige Kurzweil, den so wichtigen Humor hineinbringt, um mehr als eine Stunde Schopenhauer aushalten zu können.
Dabei hat Schopenhauer durchaus etwas zu sagen: über das Leben, über die Jugend, über das Alter, über das Glück und das Leiden. In diesen Aphorismen handelt er all das ab mit der ihm eigenen pessimistischen Grundeinstellung. Das 19. Jahrhundert war ein Jahrhundert großer Philosophen, die unter anderem damit begannen, die Welt nicht nur zu erklären, sondern auch zu verändern. Schopenhauer (1788 - 1860) hat sie noch erklärt, fand dafür Zustimmung von Sigmund Freud und C. G. Jung, traf Goethe in Weimar und machte 1816 eine Italienreise. 1818 erschien sein Hauptwerk.
Wolf Wondratschek hindert das nicht, ihm mit kritischer Dialektik zu begegnen, seinen Aussagen Albert Camus und Gottfried Benn entgegenzustellen, zunehmend eigene Ansichten. Aber auch zuzustimmen. Oder über aus der Zeit gerutschte Worte zu räsonieren. So macht Wondratschek diese szenische Lesung unterhaltsam. Schopenhauers Aphorismen transportiert er also unter Vorbehalt. Aus der Zeit gerutscht sind sie aber nicht. Der junge Mensch ist eben dynamisch, der ältere erfahren. Und die Warnung vor dem Glück im gleisnerisch Materiellen bleibt in einem Jahrhundert gleißender Neonreklame und überflutender Reize aktuell. Toleranz fordert Schopenhauer, da jeder Mensch in seinen Wesenszügen zu akzeptieren sei. Einsamkeit schätzt er, die auch in der Geselligkeit wertvolle Distanz gewähre. Und er plädiert für Ruhe, für Stille.
Auch Wondratschek. Den Rockpoeten stören vor allem die überheblich wirkenden Aussagen des Philosophen, der den Willen als metaphysisches Prinzip postuliert.

