Unter uns Steppenwölfen
Braunschweig Der Dichter der Jugend und der Hippies – Eine Wiederbegegnung mit dem Werk Hermann Hesses zum 50. Todestag
Solche Gedenktage haben ihr eigenes Ritual: Man schreitet zum Bücherregal, wandert mit den Augen zum Buchstaben H. Handke, Heine... Da: Hesse. Die billigen Taschenbücher aus der Schüler- und Studentenzeit. An den Ecken abgestoßen. Die Seiten vergilbt. Und wenn man eins herausnimmt, wallen Staubwolken auf. Das ist wie Moos auf rollenden Steinen. Wohin bist du, süße Jugend?
Hesse also. Der Rebell gegen das Bürgertum, der Unstete, Unangepasste, ein Leben lang suchend nach dem Spirituellen in einer entzauberten Welt, nach dem eigenen, dem einsam-unverstandenen Ich in der uniformen Masse.
Er animierte Jugendliche zur Sinnsuche in Indien
In seinem autobiografisch grundierten Roman „Unterm Rad“ beschwört der Sohn strenger Pietisten das Zerbrechen eines sensiblen Jünglings an der rohen Welt. In der frühen Erzählung „Peter Camenzind“ beschreibt er die Geburtswehen des Dichters in sich selbst. Im „Demian“ ruft er einen Geheimbund aus, dessen Mitglieder gezeichnet sind mit dem Kainsmal der Außenseiter. Mit seinem schwärmerischen Buddha-Buch „Siddhartha“ animierte er eine ganze Generation deutscher Jünglinge zur Sinnsuche in Indien. Sein „Steppenwolf“ gehörte zum emotionalen Unterfutter der amerikanischen Hippie-Bewegung. Glücklich war er wohl nicht.
Der Dichter also der Jugend.
Herrmann Hesse (1877-1962), der Nobelpreisträger von 1946, der weltweit meistgelesene Autor deutscher Sprache, wurde dafür gern belächelt und belästert. Er galt vor allem bei Intellektuellen als spätromantischer Schwarmgeist am Rande des Kitsches. Ein Verdikt lautet: Hätten die Hippies ihn nicht für sich entdeckt, wäre er heute vergessen.
Nun, da die Hippies auch nur noch Kulturgeschichte sind, lohnt die Frage: Was fanden sie eigentlich so toll am „Steppenwolf“?
Das war zunächst sicher der Titel. Man sieht sie geradezu vor sich, die staubige Steppe, durch die das schmale schöne Raubtier dem Horizont entgegenstreift. Der Steppenwolf: Eine Ikone der Freiheit und Einsamkeit.
Hinzu kommt das ins Buch eingerückte Traktat, eine langatmige Abhandlung über die Ich-Zersplitterung des Menschen im Allgemeinen und über die Zersplitterung des Romanhelden in einen Bürger namens Harry Haller und eben einen Steppenwolf. Wer, wenn er jung ist, fühlte sich da nicht gemeint: Sind wir nicht alle insgeheim stolze, einsame Wölfe? Ist die ganze Bürgerlichkeit nicht nur der Käfig, in dem der innere Wolf sich verzweifelt dem freien Horizont entgegensehnt?
Romanheld Harry Haller ist ein ziemlich öder Typ
Dennoch erscheint die Jugend-Begeisterung für Harry Haller merkwürdig. Denn dieser Haller ist ein ziemlich öder Typ. Fast 50 Jahre alt, Mozart-Kenner, Goethe-Verehrer, verknöchert, selbstmitleidig, extrem humorlos, gehemmt, von großem Bildungsdünkel, kulturkonservativer Knochen. Gegen Jazz, gegen Kinos, gegen die „flache“ amerikanische Kultur überhaupt, gegen Autos, gegen Radios. Kann nicht tanzen.
Aber er ist – wie sein Autor – ein engagierter, ein verzweifelter Streiter gegen den Ersten Weltkrieg, gegen den Zweiten, den er kommen sieht, gegen den dumpfen Militarismus.
Was Harry Haller zur Verzweiflung, zur Selbstverachtung, ja, bis an den Rand des Selbstmords treibt, ist die Entwertung aller kulturellen Werte, an die er geglaubt hat. „Die Herren Generäle und Schwerindustriellen hatten ganz recht: es war nichts los mit uns ,Geistigen’, wir waren eine entbehrliche, wirklichkeitsfremde, verantwortungslose Gesellschaft von geistreichen Schwätzern. Pfui Teufel! Rasiermesser!“
Hermann Hesse: der „Geistige“, dem in der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts seine Gewissheiten abhanden gekommen sind. Der sich im Materialismus dieses Jahrhunderts aber nie einrichten wollte. Darin liegt vielleicht seine Unruhe, das Depressive, das lebenslange Suchen, das mitunter skurrile Ausprobieren von Alternativen. Und auch seine Modernität.



