Über das Jüdische in der Musik – und die Folgen
Braunschweig Richard Wagners berüchtigter Aufsatz sprach den Juden die Originalität ab, wollte sie aber in seine Erlösungsideologie einbinden
In diesem Sommer ist die expressive Wagner-Büste im Bayreuther Festspielpark von Schauwänden umgeben, auf denen das Schicksal jüdischer Mitwirkender der Festspiele seit Beginn 1876 dokumentiert ist.
Nach Wagners Tod machten es seine Witwe Cosima und Sohn Siegfried zum Prinzip, jüdische Sänger nur zu engagieren, wenn es keine künstlerisch ebenbürtigen Alternativen gab. Offiziell verkündete man, nach Leistung zu besetzen. Längst aber war man streng rechts in Bayreuth. Mit 90 trat Cosima noch dem völkischen „Kampfbund für deutsche Kultur“ bei, der rassistische Autor Houston Steward Chamberlain heiratete ihre Tochter Eva.
Gegen Materialismus
Seit 1930 verschärfte sich unter Siegfrieds Witwe Winifred der Ton. Begeistert von Hitler und bald seine persönliche Freundin, versuchte sie seinem Wunsch gemäß, die Festspiele „judenfrei“ zu machen. Ihre Verehrung für Hitler hat sie auch nach dem 2. Weltkrieg nicht verhohlen.
Der Bayreuther Kreis berief sich dabei gern auf Wagners vielfach bezeugten Antisemitismus. Mit Recht?
Die „heil’ge deutsche Kunst“, die Wagner in den „Meistersingern“ beschwört, war seinen Nachfolgern zu einem Kampfbegriff gegen jüdische Einflüsse und die liberale Kulturauffassung der Demokratie geworden.
Das passt schon mal schlecht zu Wagner, der 1849 in Dresden für die Demokratie auf die Barrikaden gegangen war. Die Kunst war ihm zwar in romantischer Tradition Basis der Zusammengehörigkeit eines Volkes. Wagner griff aber zurück auf Mythen, strebte nach dem Archetypischen. Indische, griechische, keltische und germanische Traditionen mischen sich bei ihm munter.
Selbst meist mittellos, feierte Wagner in seiner Kunst den Idealismus, schildert gesellschaftliche und psychische Antagonismen, die sich auflösen in musikalischer Läuterung. Ein Happyend gibt es selten, aber die Musik deutet an, dass bei anderen Weltverhältnissen das Glück auch auf Erden realisierbar wäre.
Nur ist die Welt ja bestimmt vom Materialismus. Wagner sieht Kunst, Kultur und Volkswohl dadurch gefährdet. Für den Materialismus machte er exemplarisch die Juden verantwortlich. Das mag damit zusammenhängen, dass er als armer Schlucker im Paris der 1840er Jahre sich als Ausgestoßener einer jüdisch geprägten Bourgeoisie empfand. Zudem fühlte er sich als Bittsteller an der durch den jüdischen Komponisten Giacomo Meyerbeer geprägten Pariser Oper gedemütigt. Damals las Wagner die Schriften französischer Sozialisten, etwa Proudhons, die ihren Antikapitalismus mit antisemitischen Vorurteilen verbanden.
Wagner steht also durchaus links, wenn er 1850 als steckbrieflich gesuchter Revolutionär in seinem Aufsatz „Über das Judentum in der Musik“ den jüdischen Einfluss in der Kunst behandelt. Die vorgeblich rationale Analyse ist aber ekelhaft durchspickt mit Feststellungen wie „instinktmäßiger Abneigung“ oder „natürlichem Widerwillen“, der Deutsche gegenüber Juden ergreife.
Wagners „Erklärung“ geht dahin, dass Juden aufgrund ihrer Diaspora-Situation ihrer eigenen kulturellen Tradition entfremdet leben müssten und sich so den neuen Umgebungen nach Kräften anpassten. Dies geschehe aber immer nur auf dem Niveau der Nachahmung, da ihnen die kulturellen Wurzeln des Gastlandes fehlten. Niemand könne in einer Fremdsprache wahrhaft dichten. Die erlernte sei immer von der „angeborenen“ Sprache unterschieden.
Für kulturelle Regeneration
Dieser romantischen Sprachauffassung entspricht Wagners Kunstbegriff. Auch hier könnten jüdische Künstler nur in der Nachahmung Erfolg haben. Statt Leidenschaft schüfen sie eben nur prickelnde Unruhe, statt Ruhe Trägheit.
Der getaufte Jude Felix Mendelssohn Bartholdy kommt noch am besten weg, da er zumindest sein Scheitern in Schwermut authentisch ausgedrückt habe. Meyerbeer, mit seiner Grand-opéra das Feindbild des Musikdramatikers Wagner, wird dagegen polemisch vorgeführt. Zerstreuung sei dessen einzige Fähigkeit, sein Erfolg ein Zeichen dafür, wie dekadent die Gesellschaft und besonders der Opernbetrieb seien.
In der Wiederauflage der Schrift 1869 wächst sich das zu Verfolgungswahn aus. Die Ablehnung seines Werks sei Reaktion auf seine Juden-Schrift, denn Presse und Kunst seien von Juden beherrscht. Trotzdem fordert er nicht wie andere Antisemiten, die Emanzipation der Juden zurückzunehmen. Und auch keine „gewaltsame Auswerfung“.
Stattdessen nimmt er die Juden in sein im „Kunstwerk der Zukunft“ beschriebenes Heilsprogramm hinein, das eine grundlegende Veränderung der menschlichen Gemeinschaft verlangt. Schon 1850 endet er daher mit dem Appell: „Gemeinschaftlich mit uns Mensch werden heißt für den Juden aber zu allernächst so viel als: aufhören, Jude zu sein.“ Rassen spielten dann keine Rolle mehr. Die Menschwerdung durch kulturelle Regeneration ist auch den Deutschen aufgegeben.
„Nehmt rücksichtslos an diesem, durch Selbstvernichtung wiedergebärenden Erlösungswerke teil, so sind wir einig und ununterschieden“, ruft er den Juden zu. „Selbstvernichtung“ ist hier symbolisch und nicht körperlich gemeint. Sie betrifft gleichermaßen Deutsche und Juden. Wagner spann sich zunehmend in diese buddhistisch-christliche Erlösungsideologie à la „Parsifal“ ein.
Von dem rechtsnationalen Antisemitismus seiner Zeit, der sich im Bayreuther Kreis sonnte, fühlte er sich missverstanden. Er hat deren antisemitische Pamphlete nicht unterzeichnet. Die Nazis bezogen sich mithin zu Unrecht auf Wagner, sogar noch was seinen unbestreitbaren Antisemitismus anbelangt.

