Terror auf dem Dienstweg
Mord vor der Klausurtagung – Bettina Raddatz schrieb einen Krimi aus dem niedersächsischen Politikbetrieb: „Die Staatskanzlei“
Bloß keine Missverständnisse, keine zu simplen Botschaften. „Der deutsche Politikbetrieb ist nicht verdorben“, sagt Bettina Raddatz. Die große Mehrheit der Politiker sei nicht korrupt, viele seien sehr fleißig. Und ihr neues Buch „Die Staatskanzlei“ sei auch kein Enthüllungsbuch.
Absolution gibt es in „Die Staatskanzlei“, dem zweiten Kriminalromanroman von Raddatz, deswegen noch lange nicht. Die Diplom-Volkswirtin, die unter anderem das Europäische Informations-Zentrum in der Niedersächsischen Staatskanzlei aufgebaut hat, sah mehrere Ministerpräsidenten aus der Nähe kommen und gehen, Gerhard Schröder beispielsweise oder zuletzt Christian Wulff. Vieles von dem, was sie in rund drei Jahrzehnten Landesdienst erlebt hat, scheint ihr nachhaltig im Gedächtnis geblieben zu sein, und das nicht unbedingt angenehm. In ihrem neuen Krimi geht es um Morde an zwei Top-Beamten des Landes, die ein Team des Landeskriminalamtes aufklären muss – wenn möglich noch vor der nächsten Pressekonferenz.
Besonders schockierend sind diese Morde und die Roman-Toten, die übelriechend für die Spurensicherung herumliegen, nicht. Doch um die kriminellen Exzesse geht es Raddatz auch gar nicht, sondern um den ganz legalen täglichen Terror von Dienstes wegen.
„Die strikte Einhaltung der Hierarchie hatte für Haders höchste Priorität. Er war ein Bürokratiefanatiker. Stundenlang konnte er sich in den Runden der Führungskräfte über Dienstvorschriften auslassen. Sein zweites Lieblingsthema war die Bedeutung der Interpunktion, die im Internetzeitalter viel zu sehr in den Hintergrund gerückt sei“, heißt es über den fiktiven, gleichwohl sehr real wirkenden Leiter der Staatskanzlei. Auch der Ministerpräsident hat funktionsbedingt seine ganz persönliche Werteskala. „Wer in Gottes Namen tut so etwas und erschießt meinen besten Mann? Ausgerechnet so kurz vor der Klausurtagung der Regierungsfraktionen.“
Es ist eine Welt der bürokratischen Systeme und Untersysteme, wie sie ähnlich Dietrich Schwanitz für das Universitätsmilieu in „Der Campus“ ironisch beschrieben hat. Sicher und unterhaltsam erzählt ist das auch in der „Staatskanzlei“ allemal. Was Tiefgang, nötige Raffungen und erzählerische Ökonomie angeht, kann Raddatz für den nächsten Teil noch nachlegen. Der soll im Landtag spielen, während im Debüt „Der Spitzenkandidat“ das Parteileben im Mittelpunkt stand.
Im neuen Roman sichert einer der Top-Beamten seiner unterhaltsberechtigten Ex-Frau einen Job in einer Kanzlei, die auch Aufträge von der Staatskanzlei bekommt. Sie habe sich das ausgedacht, versichert Raddatz. Sie habe das für eine prima Idee gehalten. Wie Wulffs Ex-Frau Christiane zu einer Beratungsfirma kam, interessiert am Rande der Wulff-Affäre auch die reale Justiz.
Bettina Raddatz: „Die Staatskanzlei“, Braumüller-Verlag, 19,95 Euro.

