„Man muss die Welt zerkauen“
Braunschweig Mit „Crazy“ wurde er berühmt. Jetzt hat Benjamin Lebert (30) einen neuen Roman vorgelegt: „Im Winter dein Herz“. Das Thema ist Magersucht
Mit seinem autobiografischen Debüt „Crazy“ wurde Benjamin Lebert als Jugendlicher zum Bestsellerautor. Jetzt ist sein neuester Roman „Im Winter dein Herz“ erschienen, der wieder stark autobiografisch geprägt ist. Ein Interview mit Lebert vor seiner Lesung am morgigen Dienstag um 20 Uhr im Roten Saal des Braunschweiger Schlosses.
Im Mittelpunkt Ihres Romans stehen ein junger Mann, der unter einer Essstörung leidet, ein Ex-Häftling und eine lesbische Deutsch-Türkin. Gibt das normale Leben nicht genug Stoff für Erzählungen her?
Es sind enorme Situationen, in die die Protagonisten geraten, aber sie sind trotzdem ganz normale Menschen. Die Stimme, die diese Geschichte erzählt, ist eine langsame, eine, die im weitesten Sinne von normalem Leben kündet, obwohl normales Leben nicht anstrebbar ist.
Sie haben kein Geheimnis daraus gemacht, dass die Figur des Robert, der unter einer Essstörung leidet, stark autobiografisch geprägt ist.
Mein Schreiben speist sich sehr aus mir selbst – vielleicht leider. Aber ich hoffe, dass man auch ein wenig von der Welt sieht, wenn man sich selbst betrachtet.
Am Ende scheint Robert seine Essstörung zu überwinden. Haben Sie selbst die Magersucht überwunden?
Ja, aber es war keine Magersucht. Sondern der Schluckvorgang ist kaum noch zustande gekommen. Ich musste mich mit Trinknahrung ernähren, habe stark abgenommen. Ich konnte die Welt nicht mehr aufnehmen. Ich glaube, man muss die Welt wirklich zerkauen und herunterschlucken. Das war mir nicht mehr möglich.
Ist mit psychischen Erkrankungen und Klinikaufenthalten aus Ihrer Sicht noch eine gesellschaftliche Stigmatisierung verbunden?
Nein. Sie sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Allein weil es viele Menschen gibt, die sich einem Klinikaufenthalt unterziehen müssen. Ich glaube, das Thema ist sehr präsent, aber die Menschen gehen noch nicht befreit damit um.
Woran liegt das?
An der Angst vor Zurückweisung, an der Angst, nicht mehr Schritt zu halten. Es ist ja tatsächlich so, dass die Menschen teilweise aussortiert werden, wenn sie ein paar Monate nicht mehr arbeiten können. Das nimmt sich unwahrscheinlich bedrohlich aus.
Haben Sie das Gefühl, dass unsere Gesellschaft so wenig warmherzig ist, die Herzen der Menschen so verrammelt sind?
Ja, es sind große Festungen, die um Herzen herum errichtet werden. Ich empfinde es als unwahrscheinlich schwer, sich in dieser Welt geborgen zu fühlen, weil es so wenig Einhalt gibt, weil alles so rastlos ist. Sehr wild, sehr tobend, sehr rüttelnd.
Das SZ-Magazin hat über Sie geschrieben: „Lebensthema: Erwachsen werden.“ Gerade sind Sie 30 geworden. Ist das Erwachsenwerden jetzt abgeschlossen?
Nein, Gott sei Dank nicht. Ich glaube nicht an das Prinzip des Erwachsenwerdens. Man gibt es vor, aber man ist es nicht.
Was macht für Sie die Maskerade Erwachsensein aus?
Die Dinge im Griff zu haben. Das Gefühl zu vermitteln, mit den Dingen zurecht zu kommen, abgeklärt zu sein, etwas von der Welt zu wissen, was immer ein Trugschluss ist, und gescheit daher zu reden.


