Hörbuchempfehlungen aus der Kulturredaktion
Braunschweig Literarische Hörbücher auf außergewöhnlich hohem Niveau liefert die Edition Apollon. Hier ein paar Anregungen:
Heeresbericht
Eine sensationelle Entdeckung ist der Roman von Edlef Köppen über den Ersten Weltkrieg. Erschienen kurz vor der Machtergreifung 1933, wurde er von den Nazis sofort verboten, dann vergessen.
Köppen schuf in Montagetechnik ein großangelegtes Panorama jener Zeit. Die Geschichte des Freiwilligen Adolf Reisiger, der den gesamten Krieg mitmacht, um am Ende als Pazifist im Irrenhaus zu landen, wird kontrastiert mit Zeitungsartikeln, Werbung für Seife oder Nachtclubs, Kaiser- und Reichtstagsreden, markigen Worten von Generälen.
Dies alles intoniert das Hörbuch mit 20 hervorragenden Sprechern. Grandios schildert der Roman die Annäherung des jungen Mannes an den Kommiss, an den Krieg, die ersten Toten, die Feuertaufe, die Blut- und Dreck-Ekzesse der Grabenkämpfe, Gas, Lazarett, Heimaturlaub, die schleichende Abstumpfung, die Auslöschung. Man wird die Bilder dieser Komposition des Schreckens lange nicht vergessen.
Edlef Köppen, „Heeresbericht“, 11 CDs, 39,90 Euro.
Der Waldgang
Weitgehend vergessen ist auch der Großessay „Der Waldgang“ von Ernst Jünger. Er entfaltet hier in umkreisenden, oft markigen, oft auch diffusen Gedanken seinen Ideal-Typus eines Einzelgängers, der sich jeglicher politischen und sozialen Einordnung entzieht, der mit niemandem gemeinsame Sache macht, der auf seinem eigenen Widerstands-Sinn beharrt, welcher sich jederzeit zur unerwarteten Tat entzünden könnte.
Es ist die Idee des Anarchen, mit der Jünger einen intellektuellen Standpunkt jenseits der Massengesellschaft finden wollte. Der Essay ist eine Suche im Wald nach einer elitären Position des Nicht-Einverstanden-Seins am Rande der Verirrung im Unterholz. In hochgespannter Intensität vorgelesen von Thomas Arnold, entfaltet er eine düstere Suggestionskraft.
Ernst Jünger: „Der Waldgang“, 3 CDs, 23,99 Euro.
Abends nach sechs
Eher heiter geht es zu in dem Hörbuch mit Erzählungen und Betrachtungen des großen Journalisten Kurt Tucholsky, gelesen von Bodo Primus, Jochen Kolenda und Kordula Leisse. Die Pointe der Titelerzählung: Abends nach sechs gehen in Berlin die Paare spazieren. Und jeder erzählt dem anderen von seinem Berufsalltag. Wie inkompetent dieser Kollege wieder war, wie dummdreist der andere, wie schikanös der Chef, wie sich der x um die Arbeit herumdrückt, während man selbst...
Alle sind abends um sechs im Recht, ihre Empörung ist nur zu begreiflich, und alle fühlen sich zutiefst verstanden. Wer darin nicht ab und zu sich selbst erkennt...
Kurt Tucholsky, „Abends nach sechs in Berlin“, 1CD, 14,99Euro.
